Interkulturelle Sensibilität in der Flüchtlingsarbeit

Freyung-Grafenau. Menschen werden von ihrer Herkunftskultur geprägt. Unterschiedliche Nationalitäten haben es deshalb nicht immer leicht miteinander. Was der eine gut meint, kann beim anderen durchaus als Beleidigung ankommen. Wie aber geht man „richtig“ mit anderen um? Was kann man sagen, und was besser nicht?

Im Rahmen der Qualifizierungsreihe des Integrationspatenprojekts, das die Volkshochschule des Landkreises Freyung-Grafenau derzeit im Rahmen des XENOS-Projekts „Integration und Vielfalt“ fördert, beschäftigten sich die ehrenamtlichen Integrationspaten dieses Mal daher mit der interkulturellen Sensibilität in der Flüchtlingsarbeit.

“Man kann nicht nicht kommunizieren”

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Referentin Verena Hosbach vom Verein “Gemeinsam leben und lernen in Europa”. Fotos: vhs

Dabei zur Seite standen ihnen der Passauer Imam M´hamed Aoulkadi und die Referentin Verena Hosbach vom Verein „Gemeinsam leben und lernen in Europa“. Anhand verschiedener Stationen verdeutlichte Hosbach den Teilnehmern, dass man nach dem Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick „nicht nicht kommunizieren kann“. Egal wie man sich verhalte, so die Referentin, „Körpersprache und Haltung signalisieren immer irgendetwas.“

Deutlich wurde das beispielsweise, als die Integrationspaten, die sich untereinander nicht kannten, einander in Kleingruppen mittels eines Fragebogens einschätzen mussten. Ohne Hintergrundwissen und nur auf Grund des Aussehens sollten sie unter anderem notieren, welche Musik ihr Gegenüber hört und was er am liebsten in seiner Freizeit macht.

„Wie fühlen Sie sich, wenn Sie nur auf Grund Ihres Aussehens eingeschätzt werden“, fragte Hosbach anschließend in die Runde. „Man verspürt den Druck, das richtigzustellen“, lautete eine der Antworten. „Ganz genau“, bestätigte die Referentin, die den Teilnehmern im Laufe des Abends klarmachte, wie sehr unsere Einschätzung von einem gewissen Schubladendenken bestimmt wird. „Das ist auch normal, weil unsere Welt so komplex ist, dass wir nicht anders können als sie zu vereinfachen.“ Es gehe allerdings darum, die jeweiligen Schubladen regelmäßig aufzumachen, sie zu entrümpeln und anschließend mit neuen Erfahrungen zu füllen.

Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe

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Der Passauer Imam M’hamed Aoulkadi.

Dafür sorgte Imam Aoulkadi, der die Integrationspaten über den Umgang mit muslimischen Flüchtlingen informierte. Beim Thema „Begegnung mit Asylbewerbern“ gehe es um Mitmenschlichkeit, Verantwortung tragen für den Anderen und Nächstenliebe, so der Imam. Und um nichts anderes gehe es auch im Islam: „Im Islam führt der Weg zu Gott über unsere Mitmenschen. Im Islam ist der rechte Glaube nichts ohne das rechte Handeln, und das rechte Handeln ist nichts ohne den rechten Glauben.“ Eine sehr wichtige Aussage des Propheten Mohammed in diesem Zusammenhang laute: „Der Beste unter den Menschen ist derjenige, der seinen Mitmenschen am nützlichsten ist.“ Und ein nützlicher Mensch sei, wer bereit sei, Verantwortung zu übernehmen.

Islam bedeute, sich in Frieden Gott hinzugeben, erläuterte Aoulkadi. „Der Islam ist also eine Religion, die den Menschen Frieden bringen will.“ Im Koran, der ersten Quelle des Islams, erinnere Allah den Menschen außerdem daran, „dass die Abstammung aller Menschen dieselbe ist und dass Er uns geschaffen hat, um einander kennenzulernen, dass wir vor Ihm gleich sind. Er schaut nicht auf unsere Hautfarbe, Sprache oder unser Vermögen. Das einzige was zählt, ist unser Handeln und unsere Gottesfurcht.“

In der sogenannten Sunna, der zweiten Quelle des Islams, sei das gute Beispiel des Propheten Mohammed enthalten. „Alle Muslime sind darauf bedacht“, so der Imam, „sein Vorbild als Maßstab für das eigene Handeln zu nehmen.“ Daraus könne man auch praktische Handlungsanweisungen im Umgang mit muslimischen Flüchtlingen ableiten.

Dank für ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsarbeit

„Die meisten Muslime legen Wert darauf, nur nach islamischen Richtlinien geschlachtetes Fleisch zu essen“, erklärte  Aoulkadi. Schweinefleisch sei ohnehin verboten. Wer bei einer Einladung zum Essen also auf Nummer sicher gehen wolle, könne zum Beispiel Fisch oder vegetarische Gerichte anbieten. Im Fastenmonat Ramadan (in diesem Jahr vom 17. Juni bis voraussichtlich 16. Juli 2015) werde nur zwischen Sonnenuntergang und Morgendämmerung gegessen und getrunken. Für die Bewohner sei es deshalb wichtig, dass die Gemeinschaftsküche auch nachts zugänglich ist. Beim Pflichtgebet sei der Betende nicht ansprechbar und würde derjenige dieses auch nur im Notfall unterbrechen. Allerdings dauere das meist nur einige wenige Minuten.

In einer Fragerunde am Ende des Abends wurde noch rege über interkulturelle Stolperfallen diskutiert. Die beiden Referenten zeigten sich begeistert von der Wissbegierde der Integrationspaten. Aoulkadi bedankte sich denn auch für deren ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsarbeit: „Ich möchte Ihnen unseren Dank überbringen. Wir wissen Ihre Arbeit sehr zu schätzen.“

Dike Attenbrunner

Interkulturelle Rockband DART: Video und CD-Präsentation

Freyung-Grafenau. Vor über einem Jahr wurde die interkulturelle Rockband DART von der Volkshochschule des Landkreises Freyung-Grafenau und dem musikalischen Leiter Christian Bojko, auch bekannt als Balboo, gegründet. Die beteiligten Schüler sind alle im Landkreis beheimatet und haben meist einen Migrationshintergrund.

DART hat seit der Gründung bereits etliche Auftritte absolviert und die vergangenen Monate fleißig im Tonstudio verbracht. Herausgekommen ist dabei eine abwechslungsreiche CD, die auch eigene Songs der jungen Musiker beinhaltet.

Und die präsentiert die Schülerband kommenden Samstag, den 22.11. nun anlässlich eines multikulturellen Abends ab 18 Uhr im Keltendorf Gabreta. Wer gerne wissen möchte, wer sich hinter DART verbirgt, kann sich schon vorab informieren: Die Musikbegeisterten haben gemeinsam mit ihrem musikalischen Leiter und Benjamin Strobel ein Video über die bunte Truppe gedreht.

Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung für Flüchtlinge

Freyung-Grafenau. „Die Grenzen von Flüchtlingen wurden oft extrem verletzt. Wir können aber nichts gut machen, wenn wir als Gegenleistung nicht auf unsere Grenzen achten.“ Referentin Eva Freymadl ist Diplom-Pädagogin und Systemische Beraterin. Sie arbeitet unter anderem bei Pro Familia in Passau mit traumatisierten Menschen und wurde von der Volkshochschule Freyung-Grafenau eingeladen, um den Integrationspaten im Landkreis die Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung für Flüchtlinge aufzuzeigen.

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Referentin Eva Freymadl. Fotos: vhs

Der Vortrag gehört zur Qualifizierungsreihe des Integrationspatenprojekts, das die vhs derzeit im Rahmen des XENOS-Projekts „Integration und Vielfalt“ fördert. Die ehrenamtlichen Integrationspaten, deren Hauptaugenmerk auf die Sprachförderung liegt, sollen so für juristische, soziale und persönliche Aspekte im Umgang mit Flüchtlingen sensibilisiert werden.

“Unsere Grenzen sind meistens unsichtbar”

„Unsere Grenzen sind meistens unsichtbar“, betonte Freymadl, die selbst in der Flüchtlingsarbeit tätig war. „Nehmen wir mal kulturelle Aspekte: Jede Kultur hat ihre eigene Distanzzone. Hier in Deutschland gehört der Raum, den wir mit ausgestreckten Armen abdecken können, zu uns. Kommt jemand, den wir nicht oder nicht gut kennen, näher an uns heran, empfinden wir das als unangenehm.“

Und diese Grenze solle man auch deutlich zum Ausdruck bringen. Höflich, aber bestimmt. „Und wie mache ich das, ohne den anderen dabei zu verletzen?“, fragte eine der Teilnehmerinnen. „Sie können zum Beispiel sagen `Bei uns in Deutschland ist es üblich, dass man sich etwa auf Armeslänge voneinander entfernt unterhält, wenn man sich nicht so gut kennt`“, antwortete die Diplom-Pädagogin. Der Ton mache die Musik, so Freymadl weiter. „Mit einem charmant vorgebrachten `Nein` und einem eventuell freundlichen Gegenvorschlag werden Sie viel eher Freunde gewinnen, als mit einem säuerlich vorgebrachten `Ja`, das beim Gegenüber Schuldgefühle weckt, und das sich später vielleicht als unhaltbar erweist. Wenn Sie sich nicht freundlich und respektvoll abgrenzen, sondern es nur wischi-waschi tun, ist es keine richtige Grenze.“

“Was will und was kann ich leisten?”

e10Deswegen sei es auch unabdingbar, sich bereits vor der Arbeit mit Flüchtlingen Gedanken darüber zu machen: „Was will und was kann ich leisten?“ Denn befinde man sich erst einmal in einer Situation, die einem unangenehm und in der man sich nicht sicher sei, wie man reagieren soll, dann falle einem die Abgrenzung schwer, machte die Beraterin deutlich und führte als Beispiel an: „Stellen Sie sich vor, einer der Flüchtlinge bittet Sie um Geld für einen kranken Angehörigen in seinem Heimatland. Sie könnten mit 200 Euro dafür sorgen, dass der- oder diejenige lebensnotwendige Medikamente erhält. Sie werden feststellen, dass sich auf einmal viele Stimmen gleichzeitig in Ihrem Kopf melden: `Ich habe doch eh so viel und der andere nichts, da kann ich dem anderen ruhig etwas abgeben` oder `Es fühlt sich gut an, zu helfen´, aber auch: `Ich kann dem doch nicht einfach 200 Euro geben!´“ In der Zweierbeziehung zwischen den Helfern und den Flüchtlingen spiegele sich halt leider der ganze Wahnsinn dieser Welt.

Innere Klarheit sei daher das wichtigste für eine klare Kommunikation und eine konstruktive Beziehung. „Stellen Sie sich also die Frage: Unter welchen Bedingungen gebe ich jemandem mein Geld? Oder sagen Sie: Ich stecke gerne meine Energie und Zeit in den Sprachunterricht, aber darüber hinaus möchte ich keine Unterstützung anbieten.“ Zu einem eigenen Standpunkt könne man aber auch kommen, indem man sich sagt: „Ich entscheide von Fall zu Fall, ob ich jemandem Geld gebe.“

Wie man Traumata erkennen kann

Neben der Wahrung der eigenen Grenzen und der Akzeptanz der Grenzen des anderen, machte die Referentin die Integrationspaten auf Aspekte in der Zusammenarbeit mit traumatisierten Menschen aufmerksam. „Traumata kann man daran erkennen, dass der Betroffene sich zurückzieht, Schlaf- oder Angststörungen hat. Das wichtigste für Sie ist jedoch, zu unterscheiden, ob es sich gerade um ein akutes Trauma handelt oder um eines, das schon lange zurückliegt“, betonte Freymadl.

e18Bei einem akuten Trauma sei es für die Betroffenen wichtig und richtig, viel zu erzählen, weil sie sich dadurch vom Geschehen distanzieren könnten. Es reiche, zuzuhören und Verständnis zu zeigen. Handle es sich allerdings um ein Trauma, das schon vor langer Zeit zustande gekommen sei, müsse man unbedingt darauf achten, nicht nachzuhaken, um eine Retraumatisierung zu vermeiden. „Und wie merkt man, dass einer in einer Retraumatisierung steckt“, kam es von den Teilnehmerinnen. „So jemand wird von seinen Gefühlen überwältigt, die Gefühle und das Erlebte haben den Betroffenen unter Kontrolle. Deswegen müssen Sie ihm unmittelbar bewusst machen, dass er im Hier und Jetzt in Sicherheit ist“, erläuterte Freymadl.

“Wenn jemand seine Hilfe anbietet, sind dem, was er tun kann, immer Grenzen gesetzt”

„Sie müssen nicht total abblocken, sondern Sie können sagen: `Das ist jetzt vorbei! Schau, jetzt bist du hier!´ Oder Sie fragen, ob er oder sie etwas trinken möchte.´ Aber versuchen Sie auf keinen Fall, mehr zu erfahren, das würde es nur noch schlimmer machen.“ In der Traumatherapie sei man davon abgekommen, das Trauma mit dem Patienten immer wieder zu durchleben, erklärte die Pädagogin. Stattdessen konzentriere man sich darauf, im Kopf mehr Platz für schöne Dinge und Sicherheit zu schaffen, damit das Trauma daneben kleiner werde.

„Wenn jemand seine Hilfe anbietet, sind dem, was er tun kann, immer Grenzen gesetzt“, betonte Freymadl am Ende des Abends. Aber als sie vor über 20 Jahren in der Flüchtlingsarbeit tätig gewesen sei, sei die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung lange nicht so groß gewesen. „Und das stimmt mich schon sehr froh!“

Dike Attenbrunner

Das Forum Asyl Niederbayern

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Einige der Gründungsmitglieder beim Vernetzungstreffen Asyl am 12. September 2014 in Passau: MdL Rosi Steinberger (v.l.), Mia Pöltl, Hermann Schoyerer und Maria Kalin.

Niederbayern. In Niederbayern gibt es viele ehrenamtliche Helfer im Bereich der Asyl- und Flüchtlingspolitik. Um diese besser miteinander zu vernetzen, regte der Bezirksvorstand der Grünen in Niederbayern deshalb vor kurzem ein eigenes Netzwerk an. So entstand das Forum Asyl Niederbayern (FAN).

Die Rechtsanwältin Maria Kalin aus Passau ist eine der Gründungsmitglieder und berichtet im vhs-Interview über die Möglichkeiten von FAN.

Bislang wenig Vernetzung

Frau Kalin, wie entstand die Idee mit dem Forum Asyl Niederbayern?

Der Bezirksvorstand der Grünen Niederbayern beschäftigt sich schon seit längerem mit dem Thema Asyl- und Flüchtlingspolitik. In Niederbayern gibt es eine große Vielzahl an ehrenamtlichen Helfern und Organisationen in diesem Bereich, aber leider wenig Vernetzung. So  wird oft die doppelte Arbeit geleistet. Und das, obwohl viele Helfende bereits an der Grenze ihrer Belastbarkeit arbeiten.

So entstand die  Idee, ein Forum zu schaffen, welches den Austausch und die Zusammenarbeit fördert.

Wer ist denn an der Entwicklung dieses Netzwerks beteiligt?

Im Augenblick Gruppen wie Diakonie-Aids-Beratung Passau, Asylcafe Passau, Grüne Niederbayern, Wirtschaftsforum Passau, viele Aktive aus Gruppen von Abensberg im Westen bis Salzweg im Osten.

Unabhängig von Politik und Nichtregierungsorganisationen

Wie ist FAN organisiert? Als loses Netzwerk, als gemeinnütziger Verein? Gibt es eine Art Vorstand? Und wie wird FAN finanziert?

FAN soll ein offenes Netzwerk sein, unabhängig von Politik und einzelnen Nichtregierungsorganisationen. So soll der ungehemmte Zugang und die vorurteilsfreie Nutzung möglichst Vielen ermöglicht werden.

Die Internetseite soll als Verknüpfungspunkt Herzstück sein und möglichst viele Gruppen und Ansprechpartner aufzeigen, auch aktuelle Termine zum Thema sollen übersichtlich dargestellt werden.

Wer kann alles mitmachen? Und an wen kann man sich wenden, wenn man Teil des Netzwerks werden möchte?

Das Netzwerk steht allen Aktiven offen, wer mitmachen möchte ist willkommen und kann sich unter der E-Mail-Adresse auf der Seite melden.

Gibt es schon eine Art Zeitplan, wie das Netzwerk künftig ausgebaut werden soll?

Wir treffen uns kontinuierlich und werden vor allem die Internetmöglichkeiten verbessern. Ziel soll immer eine überregionale -und auch überparteiliche- Austauschsituation sein: Schließlich sollte „das Rad sollte nicht in jedem Ort neu erfunden werden…“.

Frau Kalin, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Dike Attenbrunner

Interkulturelles Café gestartet

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Menschen aus aller Welt treffen sich beim interkulturellen Café. Foto: Thorsten Freyer / pixelio.de

Freyung/Waldkirchen. Dari, Paschtu, Kroatisch, Mazedonisch, Englisch, Slowakisch, Tagalog, Niederländisch  – so vielfältig wie die Sprachen, die am vergangenen Freitagabend beim ersten interkulturellen Café gesprochen wurden, waren auch ihre Teilnehmer. Die beiden vhs-Dozentinnen Martina Stadlmeyer und Dinahrie Koschka hatten das internationale Treffen ins Leben gerufen, um einen Austausch zwischen verschiedenen Kulturen im Landkreis Freyung-Grafenau zu ermöglichen.

Rund 15 Frauen und Männer aus Freyung-Grafenau nahmen denn auch am ersten gemütlichen Beisammensein im Restaurant Veicht in Freyung teil – und unterhielten sich über landesspezifische Gerichte, kulturelle Eigenheiten und ihren Weg nach Deutschland.

Einmal monatlich, immer an einem Freitag um 19.30 Uhr, soll die lockere Runde nun abwechselnd in Waldkirchen und Freyung stattfinden. Hier treffen sich nicht nur Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen und Kulturkreisen, auch Deutsche sind selbstverständlich ausdrücklich erwünscht. Jeder kann vorbeikommen und neue Menschen kennenlernen.

Für weitere Informationen steht die  Volkshochschule des Landkreises Freyung-Grafenau zur Verfügung. Kontakt: Frauenberg 17, 94481 Grafenau, Tel: 08552/96650, info@vhs-freyung-grafenau.de

Die nächsten Termine:

24. Oktober 2014       Hias Restaurant in Waldkirchen, Jandelsbrunner Str. 7

14. November 2014   Café-Restaurant Veicht in Freyung, Stadtplatz 14

05. Dezember 2014   Hias Restaurant

16. Januar 2015         Café-Restaurant Veicht

06. Februar 2015        Hias Restaurant

“Eine Gesellschaft, die zeigt, dass man erwünscht ist”

Seit über drei Monaten ist Sebastian Gruber (CSU) Landrat in Freyung-Grafenau. Wie er zum Thema Integration steht und wie das Landratsamt mit der dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen umgeht, darüber berichtet der 32-Jährige im vhs-Interview.

Porträt

Seit über drei Monaten der neue Landrat in Freyung-Grafenau: Sebastian Gruber (CSU)

Herr Gruber, was verstehen Sie unter Integration?

Darunter verstehe ich das Zusammenleben und Zusammenwachsen von Menschen verschiedener Herkunft in unserer Gesellschaft. Vor allen Dingen mit der Hilfestellung von Einheimischen. Wenn man versucht, verschiedene Kulturen in die eigene zu integrieren, dann ist das für mich gelebte Willkommenskultur.

Auch in Freyung-Grafenau werden Flüchtlinge seit kurzem dezentral untergebracht. Welche Erfahrungen hat das Landratsamt bislang gemacht?

Bei der Unterbringung haben wir bis jetzt fast ausnahmslos positive Erfahrungen gemacht. Wenngleich man hinzufügen muss, dass das für die beteiligten Mitarbeiter im Landratsamt und den Bürgermeistern der Gemeinden sowie alle Ehrenamtlichen schon ein hoher Aufwand ist. Was sich als außerordentlich hilfreich erwiesen hat, waren Runde Tische. Da haben sich alle gemeinsam mit dem Thema auseinandergesetzt und so die Menschen vor Ort auf die Ankunft von Asylbewerbern vorbereitet.

Natürlich erhalten wir ab und an Briefe von besorgten Bürgern, die nach dem St- Florians-Prinzip zwar grundsätzlich Verständnis dafür haben, dass Flüchtlinge in Deutschland unterkommen, aber bitte nicht in ihrer unmittelbaren Nähe.

“Auf ehrenamtlicher Ebene tut sich sehr viel!”

Welche Vorteile hat denn die dezentrale Unterbringung? Und welche Nachteile?

Ein Vorteil ist, dass sich kleinere Wohneinheiten natürlich leichter umsetzen lassen. Und die Integration der Asylbewerber ist dadurch auch um einiges leichter. Der Nachteil ist, dass größere Einheiten wie die Gemeinschaftsunterkunft meist über mehr Angebote wie Freizeitgestaltung und Sprachunterricht verfügen.

In Eichstätt hat das Projekt „tun.starthilfe für Flüchtlinge im Landkreis Eichstätt gezeigt, wie Integration vom Bürger initiiert funktionieren kann. Wäre das auch etwas für unseren Landkreis?

Grundsätzlich: ja. Aber ich glaube, so etwas funktioniert nur, wenn die Initiative tatsächlich auch von den Bürgern kommt. Man sieht ja schon an den Unterstützerkreisen, die sich seit Beginn der dezentralen Unterbringung in einigen Gemeinden gebildet haben, dass sich auf ehrenamtlicher Ebene bereits sehr vieles getan hat. Es kann durchaus sein, dass sich diese kleineren Einheiten irgendwann zu einem übergreifenden Netzwerk zusammentun. Zu tun gibt es sicherlich etwas: Der Zustrom wird mit Ende dieses Jahres nicht einfach aufhören. Wir bekommen regelmäßig Prognoseschreiben über den Flüchtlingsstrom, der nach Deutschland kommt – und der wird kontinuierlich nach oben korrigiert.

“Die Bevölkerung in unserem Landkreis ist sehr hilfsbereit”

Angesichts des demografischen Wandels: Können wir nicht froh darüber sein, dass diese Menschen zu uns kommen?

Das alleine wird den Bevölkerungsrückgang sicherlich nicht aufhalten. Viele Asylbewerber dürfen ja nicht dauerhaft bleiben und müssen Deutschland wieder verlassen. Und diejenigen, die den Antrag auf Asyl bewilligt bekommen, ziehen meist in die größeren Städte weiter. Es mag sein, dass einige Menschen vereinzelt bleiben. Da sehe ich das größte Potenzial bei den afghanischen Ortskräften – ehemalige Mitarbeiter der Bundeswehr vor Ort in Afghanistan – die ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland bekommen haben. Die werden in erster Linie in Orten untergebracht, an denen sich auch Bundeswehrstandorte befinden. Und da haben wir mit unserer Kaserne sicherlich einen Standortvorteil.

Da könnte man erwidern: Wenn diese Menschen sowieso nur für kurze Zeit bei uns bleiben, warum sollten wir uns dann für sie verantwortlich fühlen?

Ich finde schon, dass sich das gehört. Diese Menschen haben oft unendliche Strapazen und viel Leid erfahren: Es ist also das Mindeste, dass wir sie herzlich aufnehmen und in unsere Gesellschaft integrieren. Darunter verstehe ich kein „Rundum-Sorglos-Paket“, aber wir sollten diesen Menschen die Hand reichen, sie zum Beispiel mal in den Sportverein mitnehmen oder beim Einkaufen helfen. Wenn wir in Urlaub fahren und die dortige Sprache nicht sprechen, sind wir doch auch froh, wenn uns jemand weiterhilft.

Das heißt auch Willkommenskultur für mich: Eine Gesellschaft, die signalisiert, dass man erwünscht ist und die einem im Rahmen des laufenden Asylverfahrens eine Perspektive bietet. Natürlich können wir keine goldene Zukunft versprechen, aber für einen gewissen Zeitraum können wir das ein oder andere zur Verfügung stellen. Und ich glaube schon, dass die Bevölkerung in unserem Landkreis da sehr hilfsbereit ist.

“Jeder Bürger sollte als Integrationsbeauftragter auftreten”

Die bayerische Staatsregierung hat seit kurzem für diese Belange einen eigenen Integrationsbeauftragten. Wer ist denn bei uns im Landkreis für Fragen rundum Integration zuständig?

Wir verfügen natürlich über die zuständigen Fachgebiete im Landratsamt, aber einen eigenen Mitarbeiter, der sich nur um Belange der Integration kümmert, haben wir nicht. Natürlich wäre das wünschenswert, aber ich glaube auch nicht, dass das unbedingt notwendig ist. Ich sehe eigentlich eher jeden einzelnen Bürger in der Pflicht, als Integrationsbeauftragter aufzutreten.  Zudem spielen ja auch Kirchen, Wohlfahrtsverbände, Volkshochschule und Katholische Erwachsenenbildung  hier eine wichtige Rolle. Die bieten schon seit Jahren viele praktische Hilfen an.

Da zum Thema Integration nicht nur ausländische Mitbürger zählen: Wie sieht es denn mit der Integration von „Menschen mit Behinderung“ aus? Sind wir von einer Integration weit entfernt oder bewegen wir uns schon auf eine Inklusion zu? An wen kann man sich diesbezüglich bei Fragen wenden?

Beim Thema Inklusion habe ich den Eindruck, dass wir da in unserem Landkreis schon einiges im Bewusstsein der Menschen geändert haben. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass es traditionell in Freyung-Grafenau sehr viele Einrichtungen für Menschen mit einer Behinderung gibt. Und viele Bürger haben in diesen Organisationen auch ihre Berufung gefunden. Außerdem gibt es zahlreiche Initiativen wie zum Beispiel Inklunet von Johannes Spitaler und Ossi Peterlik, die immer wieder auf Nöte und Wünsche von Menschen mit Behinderung aufmerksam machen.

Und wir haben mit Petra Poxleitner, der Behindertenbeauftragten des Landkreises, eine sehr wertvolle Mitarbeiterin, die sich laufend und ausgesprochen kompetent um die Belange von Menschen mit Behinderungen kümmert. Frau Poxleitner nimmt beispielsweise an Baubesichtigungen teil und macht auf Barrierefreiheit aufmerksam. Und sie sorgt auch für eine überregionale Vernetzung möglicher Ansprechpartner.

Wie kann Integration gezielt gefördert werden? Sind derzeit im Landkreis konkrete Maßnahmen und Projekte geplant zum Thema Integration geplant?

Nein, von unserer Seite ist nichts geplant. Aber wir wirken als Partner bei vielen Unterstützernetzwerken vor Ort mit und bemühen uns, diese tatkräftig zu unterstützen.

Herr Gruber, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Dike Attenbrunner

“Integration beginnt im Herzen der Menschen”

Freyung-Grafenau. Stephan Rogmanns arbeitet als Sozialpädagoge beim Migrationsdienst der Caritas. Zu seinen Aufgaben gehört unter anderem die Beratung und Begleitung der neuzugewanderten Migranten in deren sog. „Integrationsprozess“. Welche Erfahrungen er in seinem Job gemacht hat und ob es im Landkreis eine Willkommenskultur gibt, darüber berichtet er im vhs-Interview.

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Der Sozialpädagoge Stephan Rogmanns arbeitet beim Migrationsdienst der Caritas. Foto: Rogmanns

Beratung und Begleitung der neuzugewanderten Migranten in deren sog. „Integrationsprozess“

Herr Rogmanns, seit wann gibt es die Migrations- und Asylberatungsstelle bei der Caritas Freyung-Grafenau und aus welchem Grund wurde diese eingerichtet?

Unsere Asylberatungsstelle gibt es seit 1985, die Migrationsberatung seit 1989, letztere ist aus der Aussiedlerberatung hervorgegangen. Entstanden sind beide Stellen aufgrund der gestiegenen Notwendigkeit, entsprechende Beratungsangebote vorzuhalten: steigende Zahlen an Flüchtlingen, Aus- und Übersiedlern.

Wie hat sich die Migration in unserem Landkreis über die Jahre hinweg entwickelt?

Die Entwicklung der Zuwanderungszahlen in unserem Landkreis ist in etwa äquivalent zur landes- bzw. bundesweiten Entwicklung, da die Verteilung stets nach bestimmten festgelegten Quoten erfolgt. Als ich beispielsweise meine Tätigkeit beim Migrationsdienst begonnen habe, gab es fünf Gemeinschaftsunterkünfte für Asylbewerber und fünf Übergangswohnheime für Spätaussiedler – zuvor gab es noch zahlreiche Ausweichunterkünfte für DDR-Übersiedler.

Welche Funktion haben Sie inne und was gehört zu Ihren Aufgaben?

Ich arbeite als Sozialpädagoge beim Migrationsdienst. Zu meinen Aufgaben in der Migrationsberatung gehört die Beratung und Begleitung der neuzugewanderten Migranten in deren sog. „Integrationsprozess“.

Im Gegensatz dazu geht es bei der Asylsozialberatung vorrangig um die Bereitstellung von Orientierungshilfen. Durch Beratung und Informationsvermittlung sollen die Asylbewerber in die Lage versetzt werden, auftretende Alltagsprobleme besser bewältigen zu können.

Das Spektrum der Beratungsinhalte und Hilfen ist dabei äußerst breit gefächert. Eine zentrale Rolle in beiden Bereichen spielt die Vermittlung zwischen Klient und den verschiedensten Behörden.

Dezentrale Unterbringung: “Es haben sich bereits vor Ort einige Strukturen gebildet, die Flüchtlinge zu unterstützen”

In Freyung-Grafenau werden Flüchtlinge seit kurzem dezentral untergebracht. In welchen Ortschaften ist dies bereits der Fall und welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht?

Eine dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen gibt es derzeit im Landkreis Freyung-Grafenau bereits in Thurmansbang, Mauth, Hohenau, Perlesreut, Zenting und demnächst auch in Freyung.

Daneben werden derzeit einige Familien aus Syrien in Privatwohnungen in Haidmühle sowie bald auch ehemalige Bundeswehrmitarbeiter aus Afghanistan in Freyung untergebracht. Diese müssen allerdings kein Asylverfahren durchlaufen.

Unsere Erfahrungen bislang lassen derzeit keine eindeutigen Schlüsse zu. Es ist aber für die betroffenen Asylbewerber verständlicherweise nicht einfach, sich in diesen oft abgelegenen und/oder kleinen Ortschaften mit mangelhaften infrastrukturellen Bedingungen (Einkaufsmöglichkeiten, ärztl. Versorgung, Wege zu Behörden, defizitäre und kostenintensive Busverbindungen) zurechtzufinden. Es haben sich aber bereits vor Ort einige Strukturen gebildet, die Flüchtlinge zu unterstützen, sei es durch Sprachunterricht, Hilfe bei Arztbesuchen, Vermittlung von Sachspenden und vieles andere mehr.

Ist die dezentrale Unterbringung im Vergleich etwa zum Asylwohnheim in Grafenau die bessere Variante für die Integration von Flüchtlingen?

Das würde ich so nicht sagen, ich glaube die Schaffung dieser dezentralen Einrichtungen ist eher aus der Not herausgeboren, da einfach die Plätze in den staatlichen Gemeinschaftsunterkunften fehlen. Nachdem die Flüchtlingszahlen sanken, wurden zahlreiche Gemeinschaftsunterkünfte geschlossen und veräußert. Diese Kapazitäten fehlen jetzt, hier wurde absehbaren Entwicklungen zum Teil wohl auch nicht vorausschauend genug begegnet.

Die Unterbringung in  Gemeinschaftsunterkünfte bietet dagegen einige nicht zu unterschätzende Vorteile. Durch das Vorhandensein eines Heimleiters sowie meist weiterer Bedienstete gibt es stets Ansprechpartner vor Ort, die bei Problemen oft schnell Lösungen anbieten können, zum anderen ist natürlich auch die Lage der Gemeinschaftsunterkunft in Grafenau sehr zentral und bietet damit wesentlich bessere Voraussetzungen für die Flüchtlinge und deren „Integration“.

“Ein wachsender Anteil von Menschen beginnt Anteil zu nehmen am Schicksal dieser Menschen”

Sie sind schon lange bei der Migrations- und Asylberatungsstelle: Hat sich in diesem Zeitraum eine Art Willkommenskultur in der Bevölkerung entwickelt?

Ich arbeite seit nunmehr 20 Jahren beim Migrationsdienst. Ich glaube, der Umgang der Politik hat sich im Laufe der Zeit etwas zum Positiveren gewandelt. Damals wurde noch vehement verneint Deutschland sei ein Einwanderungsland und von einer sogenannten „Willkommenskultur“ hatte niemand gesprochen.

Durch die zunehmende Berichterstattung in den Medien (nicht zuletzt auch den schrecklichen Ereignissen an den Außengrenzen Europas: Lampedusa, den spanischen Enklaven Melilla, Ceuta etc.) ist das Thema stets präsent und es beginnt auch eine wachsende Zahl der Bevölkerung Anteil zu nehmen am Schicksal dieser Menschen. So erhalten wir mittlerweile immer mehr Anfragen von interessierten Bürgern wie eine solche Unterstützung aussehen könne – angefangen von Kleider- und Sachspenden bis hin zu regelmäßigem ehrenamtlichen Engagement in Form von Deutsch- oder Nachhilfeunterricht für Kinder.

Von einer wirklichen „Willkommenskultur“ würde ich aber noch nicht sprechen, dazu sind die Vorurteile gegenüber dem uns „Fremden“ zu groß, es wird oft als bedrohlich wahrgenommen und es greifen immer noch sogenannte „Sündenbockphänomene“ (Flüchtlinge werden für diverse Missstände (mit)verantwortlich gemacht) und das Thema wird leider auch von der Politik insbesondere zu Wahlkampfzwecken instrumentalisiert.

“Integration beginnt im Herzen der Menschen”

Was verstehen Sie im Rahmen Ihrer Arbeit unter Integration?

Integration würde ich beschreiben als einen sehr langwierigen, über Generationen gehenden, wechselseitigen Prozess, das heißt er erfordert nicht nur die Bereitschaft der zugewanderten Menschen, sondern stets auch die Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung, die Bereitschaft Neuem, Unbekanntem vorbehaltlos zu begegnen. Integration sollte nie als bedingungslose Assimilation gefordert werden.

Integriert sein ist m.E. weniger ein Zustand als ein Gefühl. „Integration beginnt im Kopf“ so der Titel einer Kampagne, ich bin der Meinung sie beginnt eher im Herzen der Menschen.

Und wie kann Integration gezielt gefördert werden?

Wie ich schon sagte, erfordert eine gelingende Integration auch die Überwindung von Ängsten und Vorbehalten, ein angstfreies Aufeinanderzugehen von beiden Seiten.

Ein gutes Beispiel ist hier auch das durch die vhs initiierte Projekt der „Integrationspaten“, ehrenamtlich engagierter Bürger, die sich auf unterschiedliche Weise einbringen. Auch wenn die Integration während des Asylverfahrens nicht im Vordergrund steht, so beginnt sie doch vom ersten Tag an.

Herr Rogmanns, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Dike Attenbrunner

“Boxen war meine Rettung!”

Schönberg. „Die Kommunisten führten ihn mit verbundenen Augen vor eine Mauer. Dann stellten sie sich vor ihm auf, legten die Gewehre an und feuerten drauflos. Mein Vater brach am Boden zusammen. Tot war er nicht. Die Kommunisten zielten absichtlich daneben, sie wollten ihn zermürben und zum Reden bringen. Mein Vater wurde jedes Mal wieder in seine Zelle zurückgebracht. 40 Mal ging das so.“

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In Momcilo Mellens Augen schimmern die Tränen als er die Geschichte seines Vaters erzählt. Der 64-jährige stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Mellens Vater war im zweiten Weltkrieg von den Kommunisten verhaftet worden, weil er für den königstreuen Widerstand eine Funkstation betrieb.

Boxen war die Rettung

Als sein Vater endlich wieder heim durfte, war er ein gebrochener Mann. Er trank und schlug die Familie. Irgendwann hielt seine Mutter es nicht mehr aus, sie trennte sich von ihrem Mann und ging mit einem anderen nach Frankreich. Momcilo blieb als Einziger zurück. Der damals 13-Jährige musste wieder zum gewalttätigen Vater ziehen. Seine Schwester verließ das Land ebenfalls, sein Bruder blieb zwar, hatte aber eine eigene Wohnung.

Mit der neuen Frau des Vaters war kein Auskommen, schlagen lassen wollte er sich auch nicht mehr, also trieb er sich mit anderen Altersgenossen auf der Straße herum und versuchte, irgendwie zu überleben. Bis dahin war er immer ein sehr guter Schüler gewesen.  Doch den Vater kümmerte die Bildung seines Sprösslings wenig. Als sich der wendige Halbwüchsige mal wieder prügelte, entdeckte ihn ein Boxtrainer.

Es dauerte kein halbes Jahr, da war Momcilo schon Stammboxer der Jugendmannschaft des Erstligisten Radnicki aus Kragujevac.  „Mein Trainer hat immer gesagt, ich würde zuschlagen wie ein Halbschwergewichtler!“ Mit 18 heiratete er bereits seine erste Frau, kurz darauf wurde seine Tochter geboren. Doch das Familienglück währte nicht lange: Der Vereinsvorsitzende von Radnicki versprach jedem seiner Boxer 2.000.000 Dinaren, falls sie die Meisterschaft gewinnen würden. Viel Geld. Auch für Mellen und seine junge Frau, die sonst nicht viel besaßen. Sie setzten alles auf eine Karte, schlossen einen kleinen Kredit ab und schafften Möbel und einen Fernseher an. Der Plan ging auf: Kragujevac wurde Landesmeister. Doch die Boxer bekamen nur einen Betrag von 500.000 Dinaren ausgezahlt.

Die Gefängnisinsel “Goli Otok”

Mellen bekam Probleme mit der Stasi. Zwischen ihm und dem Vereinsvorsitzenden, der gleichzeitig Chef der Stasi war, entbrannte eine heftige Diskussion. „Das ist eine typisch kommunistische Vorgehensweise! Erst etwas versprechen und dann nicht halten!“ Das habe ich dem damals an den Kopf geschmissen. Die Antwort kam rasch: „Du wirst für das, was du gesagt hast, bitter bereuen. Ich kenne dich und deinen Vater kenne ich ganz besonders gut. Mit dem bin ich auch schon fertig geworden!“ Wenig später, nur ein paar Tage nach der Geburt seiner Tochter, kamen zwei Männer in dicken schwarzen Mänteln und führten ihn in Handschellen ab.

Ohne Gerichtsurteil wurde Mellen auf die Gefängnisinsel „Goli Otok“ gebracht, wo sich eine der schlimmsten Zuchthäuser Jugoslawiens befand. Goli Otok bedeutet „nackte Insel“, so genannt, weil sich dort nur Steine befanden. Die Männer mussten ununterbrochen schuften und Steine klopfen, wer nicht mehr konnte oder nicht parierte, wurde von den Gefängniswärtern teils schwer misshandelt. „Die Gefangenen sollten seelisch und körperlich gebrochen werden“, erzählt Mellen und verzieht das Gesicht bei all den Erinnerungen.

Im Gegensatz zu vielen anderen hatte er Glück: Er konnte sich mit den Fäusten verteidigen, wenn ihm einer der anderen Insassen zu Nahe kam – und seine junge Frau sorgte mit einer Bitte an den Innenminister dafür, dass er die Insel wieder verlassen durfte.

Die Flucht nach Deutschland

Als Boxer war er ob seines Talents nach wie vor in seiner Heimatstadt gefragt. In einem Land, in dem man willkürlich ohne juristisches Verfahren ins Gefängnis gesteckt werden durfte, wollte er dennoch nicht mehr leben. Während der Europameisterschaft 1970 in Ungarn suchte er den Kontakt zur deutschen Mannschaft und lernte Werner Schäfer kennen, Boxer im Federgewicht aus Mülheim an der Ruhr. Er machte ihm verständlich, dass er nach Deutschland wolle.

Zwei Jahre später gelang ihm die Flucht, als die italienische Nationalmannschaft das jugoslawische Team zu einem Freundschaftskampf eingeladen hatte. Über die Schweiz gelangte er nach Deutschland. Er trat dem Bundesligisten Ring Frei Mülheim, dem auch Schäfer angehörte, bei. Man ließ seine Frau und seine Tochter nachkommen, besorgte ein Visum und sorgte für einen Arbeitsplatz.

Er lernte Deutsch, machte unter anderem eine Ausbildung als Kranführer, Schlosser und Schweißer. Mit dem Boxen lief es ebenso gut. Mit dem, was er verdiente, unterstützte er auch seine Familienangehörigen. Mitte der Siebziger lernte er dann seine zweite Frau kennen – und der geborene Vasiljevic nahm deren deutschen Namen Mellen an. 1980 wurde er eingebürgert.

Der Krieg in Jugoslawien

Die Boxkarriere von Mellen endete mit 28 Jahren. „Nach 14 Jahren Boxen und 220 ausgetragenen Kämpfen, war ich froh und stolz zugleich, dass ich noch nie durch einen Knockout einen Kampf verloren hatte.“ Stattdessen stürzte er sich in die Arbeit, meist auch am Wochenende. Er stieg zum Betriebsleiter auf, renovierte das Haus in dem seine Frau und er wohnten – und merkte schnell: „Irgendetwas stimmt nicht mit mir.“ Die Diagnose: Schilddrüsen-Krebs.  Am Ende sollten es 26 Bestrahlungen und sechs Radiojodtherapien werden. Er überstand sie alle und zog mit seiner Frau in ein neues Haus nach Moers.

1990 begann der Krieg in Jugoslawien, eine schreckliche Zeit für Mellen, dessen Familie nach wie vor dort wohnte. „Also haben meine Frau und ich überlegt, was wir neben einer finanziellen Unterstützung noch tun können.“ Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kauften die beiden ein Haus in Ungarn, nahe der Grenze, damit die Familie sie ungehindert besuchen konnte. Und er arbeitete weiter. Mehrere Schlaganfälle folgten aufeinander. 1996 verließ er die Firma, in der er zuletzt gearbeitet hatte, mit einem Aufhebungsvertrag und zog mit seiner Frau nach Schönberg. Dort trat er der CSU bei und wurde sogleich Ausländerbeauftragter. In dieser Funktion begleitete er viele Menschen auf ihrem Weg in die Integration. Er wollte das, was Deutschland ihm gegeben und ermöglicht hatte, an andere weitergeben.

Als Heilpraktiker schlug er, geprägt von seinen eigenen Krankheitsgeschichten, selbst wiederum beruflich einen neuen Weg ein. „Mit 64 fühle ich mich noch zu jung für ein Rentnerdasein!“ Auch politisch engagiert Mellen sich weiterhin, als Integrationsbeauftragter für die CSU im Landkreis, „weil ich auch in ganz Deutschland herzlich aufgenommen worden bin!“

Dike Attenbrunner

Im Kurzporträt: DART-Sängerin Myriam

Grafenau. Wie kann man zeigen, dass unterschiedliche Kulturen einander bereichern können? Zum Beispiel, indem man eine multikulturelle Rockband gründet. So wie die Schülerband “DART”, die mit afghanischen Melodien, Deutschrock und Gänsehaut-Balladen überzeugt. Vor über einem Jahr wurde diese von der Volkshochschule des Landkreises Freyung-Grafenau und dem musikalischen Leiter Christian Balboo Bojko im Rahmen des Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” gegründet. Woher die Jungmusiker kommen – und wie die Musik sie verbindet, das zeigt die vhs in den kommenden Wochen in Kurzporträts. Dieses Mal im Interview: Sängerin Myriam.

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Die 15-jährige Schülerin aus Spiegelau, die drei Geschwister hat, besucht derzeit die Realschule Grafenau. Bei DART ist sie deshalb so gerne, weil die Band verschiedene Kulturen vereint.

Myriam im Interview:

Tamina, was gefällt Dir an Deutschland?

Die Demokratie, die Landschaft und die Menschen.

IMG_9493 (1024x683)Was ist denn typisch Deutsch für Dich?

Das Oktoberfest.

Was gefällt Dir am meisten an “DART”?

Die Band vereint verschiedene Kulturen.

Was bedeutet Musik für Dich?

Alles! Ich liebe Musik einfach, und unsere Band auch.

Sind die Deutschen tolerant und aufgeschlossen?

Ja.

Integrationsbeauftragter Martin Neumeyer: “Wir müssen miteinander reden”

München. Der Landtagsabgeordnete Martin Neumeyer ist der erste Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung. Im vhs-Interview erklärt er, was es mit einem “Dialog der Kulturen” auf sich hat und warum das Thema Integration so wichtig ist.

Herr Neumeyer, Sie sind der erste Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung. Warum wurde dieses Amt ins Leben gerufen?

Bayern war 2009 das letzte Bundesland, das einen Integrationsbeauftragten be­rufen hat. Damit hat die Staatsregierung deutlich gemacht, wie wichtig ihr das Thema „Integration“ ist, das aber erst in den letzten Jahren einen größeren Stellenwert in der Politik gewonnen hat. Bis vor zehn, fünfzehn Jahren war Integration noch kaum ein Thema. Man ging schlichtweg davon aus, dass die meisten Zuwanderer Deutschland nach ein paar Jahren wieder verlassen wür­den. Warum also sollte man sich um ihre Integration bemühen?

Diese Lebenslüge der deutschen Ausländerpolitik hat uns viele Jahre gekostet. Wir haben uns zu wenig um Integration, aber auch um die Bildung der hier geborenen Kinder von Zuwanderern gekümmert. Heute dagegen ist es ge­sell­schaftlicher Konsens, dass Integration notwendig ist – unabhängig davon, wie lange jemand hier bleibt –, und dass Zuwanderung in vielen Fällen eine Bereicherung und keine Bedrohung und überdies aus demographischen Gründen sogar notwendig ist. Das sieht auch die Bayerische Staatsregierung so und deshalb hat sie das Amt des Integrationsbeauftragten geschaffen, der sie in allen Fragen von Migration und Integration unabhängig beraten soll.

Als Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung bin ich unabhängig

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Martin Neumeyer: erster Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung und Landtagsabgeordneter. Foto: StMAS Bayern

Was verstehen Sie bzw. die Bayerische Staatsregierung unter Integration?

Als Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung bin ich unabhängig. Ich berate die Staatsregierung, bin aber kein Teil der Exekutive. Des­halb kann ich auch nur für mich sprechen, wobei die Haltung der Staatsregierung und meine Vorstellung von Integration aber sehr nah beieinander liegen. Integration bedeutet für mich die Annäherung von Menschen ausländischer Herkunft an unsere Gesellschaft und ihre Eingliederung in diese mit dem Ziel des Zusammenwachsens und dauerhaft friedlichen Zusammenlebens. 

Dabei erfordert Integration von Zuwanderern die Bereitschaft, sich zu unseren Werten zu bekennen und nach hier geltenden Regeln zu leben. Dazu gehört naturgemäß auch der Spracherwerb. Umgekehrt ermöglicht Integration im Unterschied zur Assimilation Migranten, ihre kulturelle Identität zu wahren. Sie ge­hören dazu ohne sich selbst aufgeben zu müssen. Gleichzeitig ist die Ge­sell­schaft gefordert, Migranten umfassende gesellschaftliche Teilhabe zu er­mö­glichen. Erst wenn das gelingt, kann man von einem erfolgreichen Integrationsprozess mit dem Endziel der Inklusion der Zuwanderer sprechen.  

Thementage wie zum Beispiel der „Roma-Tag“

Für welche Aufgaben sind Sie zuständig?

In erster Linie habe ich eine Beratungsfunktion. Ich nehme Stellung zu Gesetzesentwürfen, Ministerratsvorlagen und parlamentarischen Interpellationen, aber auch zu Konzepten von Denkschriften von im Integrationsbereich tätigen Institutionen. Mit dem Bayerischen Integrationsrat habe ich ein Expertengremium – bestehend aus Vertretern der Ministerien, von Verbänden, Migrantenvereinen und Einzelpersonen – geschaffen, das in ad-hoc-Ausschüs­sen konkrete Handlungsempfehlungen für integrationspolitische Sachfragen er­arbei­tet. Des Weiteren bearbeitete ich Eingaben von Zuwanderern mit dem Ziel, sie sachgerecht zu informieren und ihnen – wenn möglich – zu helfen. 

Einmal jährlich verleihe ich auf den Vorschlag einer Jury hin den Integrationspreis des Bayerischen Landtags und des Bayerischen Integrationsrates an im Integrationsbereich angesiedelte Projekte. Mit dem Integrationsbrief des Beauftragten werden dagegen Persönlichkeiten und Institutionen ausgezeichnet, die sich um die nachhaltige Integration von Migranten in Bayern und den interkulturellen Dialog verdient gemacht haben. Hinzu kommen noch der Integrationstag, an dem ich Experten zu einem Symposium mit Vorträgen und Diskussionen zu verschiedenen integrationspolitischen Fragestellungen einlade, und Thementage wie zum Beispiel der „Roma-Tag“ am 1. April 2014.

“Wir müssen miteinander reden.”

Sie sprechen auf Ihrer Homepage unter anderem von einem Dialog der Kulturen? Was ist damit gemeint? Und wie kann man einen solchen Dialog befördern?

Wenn Integration scheitert, liegt das selten am bösen Willen einer der beteiligten Seiten, sondern häufig schlicht an kulturell bedingten Missverständnissen. Fehlendes Verständnis aber erschwert das friedliche Zusammenleben und da­mit eine nachhaltige Integration. Im Extremfall droht dann die Entstehung so ge­nannter „Parallelgesellschaften“. Um das zu verhindern, müssen wir miteinander reden. Vor allem aber müssen wir uns für andere Kulturen interessieren, um mehr übereinander zu wissen und um voneinander zu lernen. Wir brauchen Aufgeschlossenheit. Ignoranz ist die Mutter der Intoleranz. 

Ganz bewusst fordere ich einen „Dialog der Kulturen“. Dagegen halte ich wenig von dem so oft beschworenen „Dialog der Religionen“. Zum einen ist Religion oft Teil der Kultur einer Migrantengruppe, zum anderen sind Religionen Weltanschauungen mit dem Anspruch ewiger Wahrheit. Ein Dialog der Religionen muss sich daher notwendigerweise auf den Austausch von Positionen über Glaubensfragen beschränken, ohne dass letztlich eine Annäherung möglich ist, es sei denn, man ist bereit, seinen eigenen Glauben aufzugeben. Des­halb bevorzuge ich den „Dialog der Kulturen“ als deutlich zielführender.

“Freue mich, wenn ich Menschen mit konkreten Anliegen helfen kann”

Wer kann sich mit welchen Anliegen an Sie wenden?

Ich bin für alle Anfragen offen, die mit Zuwanderung, Integration und Asylpolitik zu tun haben. An mich kann sich daher jeder wenden, der diesbezüglich ein Anliegen hat, und ich werde versuchen, ihm zu helfen. Dabei richtet sich mein Angebot vor allem an Migranten, die Fragen haben, Probleme im Umgang mit den Behörden oder den Eindruck haben, benachteiligt oder gar diskriminiert zu werden. Häufig geht es dabei um Statusfragen, Fragen des Bleiberechts, des Familiennachzugs oder des Anspruchs auf Sozialleistungen. In Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden oder den jeweils verantwortlichen Ressorts der Staatsregierung versuche ich, zu Lösungen zu kommen.

Natürlich wenden sich auch viele Bürger ohne Migrationshintergrund an mich mit ihren Fragen, Anregungen, Beschwerden, Sorgen und Befürchtungen. Selbstverständlich bearbeitete ich auch ihre Schreiben und E-Mails. Denn ohne die Einbindung der so genannten „Mehrheitsgesellschaft“ wird der Integrationsprozess keinen Erfolg haben. Wir müssen die Menschen mitnehmen, sie nicht nur informieren und überzeugen, sondern auch zur Teilnahme ermutigen. Integration gelingt nur, wenn beide Seiten dazu bereit sind.

Was bereitet Ihnen bei Ihrer Aufgabe als Integrationsbeauftragten am meisten Freude?

Am meisten Freude bereitet es mir, Menschen mit konkreten Anliegen helfen zu können und so etwas in ihrem Leben zum Positiven zu bewirken. Außerdem freue ich mich über das große Engagement gerade junger Leute mit Migrationshintergrund, die anpacken und längst ein Teil Bayerns sind. Sie stellen schon aufgrund der demographischen Entwicklung, die in absehbarer Zeit dazu führen wird, dass jedes zweite Vorschulkind Migrationshintergrund hat, unsere Zukunft dar. Einige dieser jungen Menschen habe ich in den Bayerischen Integrationsrat berufen, der sehr von ihren innovativen Ideen profitiert.

Interview: Dike Attenbrunner