“Persönliche Freiheit ist nur dann gerechtfertigt, wenn sie dem Wohle der Allgemeinheit dient”

Landshut. “Der Traum vom roten Mercedes – vom Bosporus an die Isar” lautet der Titel des Buches, für das der Landshuter Fotograf Peter Litvai und die Autorin Barbara Wiethalter vor wenigen Wochen den Integrationspreis des Niederbayerischen Integrationsforums überrecht bekommen haben. Litvai (55), der vor gut 30 Jahren aus Ungarn nach Deutschland kam, ist der Meinung, dass Toleranz und Freiheit voneinander untrennbare Begriffe sind: “Persönliche Freiheit ist nur dann gerechtfertigt, wenn sie auch dem Wohle der Allgemeinheit dient.”

Ohne Gastarbeiter wäre der wirtschaftliche Aufschwung nicht möglich gewesen

Herr Litvai: Um was geht es denn in Ihrem Buch? Wie entstand die Idee dazu?

Peter Litvai. Foto. privat

In Landshut gibt es einen Stadtteil namens Nikola, das sogenannte Nikola-Viertel. Die leider schon verstorbene Quartiersmanagerin Susanne Kowalsky hatte dieses Projekt damals angestoßen, bei dem es um türkische Gastarbeiterinnen geht, die vor zirka 40 Jahren nach Deutschland kamen und bei der Firma Roederstein gearbeitet haben. Als Fließbandarbeiterinnen. Im Buch geht es um die Geschichte von zehn türkischen Frauen, die von Barbara Wiethaler interviewt wurden. Ich wurde gefragt, ob ich das Projekt fotografisch begleiten möchte – und habe die Frauen dann porträtiert.

Was war das für eine Erfahrung?

Es war schön. Die türkische Kultur bringt es ja mit sich, dass man immer sehr gastfreundlich empfangen wird. Wir haben stets sehr herzlich miteinander geredet, wir haben uns immer sehr wohl gefühlt bei den Terminen.

Welche Wirkung wollen sie mit diesem Buch erzielen?

Uns war wichtig, dass die Geschichten der Frauen dokumentiert werden, damit sie  nicht in Vergessenheit geraten. Die Gastarbeiter wurden damals ja nicht nur aus der Türkei nach Deutschland geholt, sondern aus vielen Ländern Europas. Sie haben den Wohlstand der deutschen Gesellschaft mitbegründet. In den 70er Jahren herrschte in Deutschland ein großer Arbeitskräftemangel, sodass viele Firmen ihre Aufträge nicht hätten erfüllen können ohne die zumeist günstigen Fließbandarbeiter aus dem Ausland. Die Gastarbeiter haben für die damaligen Verhältnisse schlecht verdient, viele wurden auch ausgebeutet. Im Schnitt verdienten die Frauen 400 Euro im Monat. Wären diese Leute nicht gewesen, würde Deutschland nicht da stehen, wo es heute steht. Ohne sie wäre der wirtschaftliche Aufschwung nicht möglich gewesen.

Man hat uns damals sehr zähneknirschend empfangen seitens der Behörden

Sie haben für Ihr Buch den Integrationspreis des Niederbayerischen Integrationsforums erhalten: Welche Bedeutung hat dieser Preis für Sie persönlich?

Es ist eine große Anerkennung, die die Bedeutung dieses Projekts aufzeigt. Es ist schön zu sehen, dass es auch von staatlicher Seite honoriert wird – eine Bestätigung für uns, dass wir etwas geschafft haben, das seinen Platz in der Gesellschaft hat.

Sie selbst sind gebürtiger Ungar, kamen vor rund 30 Jahren nach Landshut, wo Sie heute als Fotograf tätig sind. Im Rückblick betrachtet: Wie verlief Ihr eigener Integrationsprozess? Wie wurden Sie damals in Bayern empfangen?

“Die Integration in Beruf und Gesellschaft verlief problemlos, der Empfang seitens der Behörden war wenig herzlich” Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Der Empfang war nicht sehr herzlich, man hat uns eher zähneknirschend empfangen. Vor allem die Behörden waren nicht sonderlich erfreut darüber, dass wieder jemand kommt aus dem Ausland, der hier leben will. Von offenen Armen war wenig zu spüren. Ich bin deutscher Abstammung und habe damals den Spätaussiedlerstatus beantragt, was von behördlicher Seite mit Argwohn betrachtet wurde. Mir waren jedoch nicht die damit verbundenen finanziellen Zuwendungen wichtig, sondern die Anerkennung dessen, dass meine Urgroßeltern aus Deutschland stammten.

Die Integration in die Gesellschaft verlief problemlos, als ich mit meiner Familie nach Deutschland kam. Aufgrund meiner deutschen Wurzeln konnte ich relativ gut Deutsch sprechen und habe auch sehr schnell Arbeit als Fotograf gefunden. Insofern war meine beruflich-gesellschaftliche Integration kein Problem. Die Nachbarn waren alle offenherzig, was vielleicht auch daran lag, dass die Deutschen Ungarn nicht mit dem Ostblock verbunden hatten, sondern eher als Urlaubsland sahen.

Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu wirklicher Toleranz ist das Geld

Das Projekt „Xenos“ will Menschen beim Einstieg in den Arbeitsmarkt und bei der Integration in die Gesellschaft unterstützen. Was denken Sie: Mit welchen Problemen bzw. Vorurteilen müssen sich Menschen mit Migrationshintergrund heute in Deutschland beim Schritt in die Arbeitswelt auseinandersetzen?

Das größte Problem ist meiner Meinung nach, dass einige Leute hier immer noch glauben, dass die Zuwanderer ihnen die Arbeit wegnehmen. Aber ein Mensch ist ein Mensch. Ein Deutscher kann schlecht sein, kann gut sein. Genauso ein Migrant. Es kommt immer darauf an, wie man sich selber verhält und sich um seine eigene Integration bemüht. Wer glaubt, in ein fremdes Land zu kommen und ohne Bestrafung kriminelle Dinge machen zu können, hat eine negative Einstellung. Ich denke jedoch, dass der überwiegende Teil der Leute, der nach Deutschland kommt, einfach nur ehrlich arbeiten und seine Lebensqualität verbessern will. Und diejenigen werden auch keine Probleme bekommen.

“Ohne Toleranz kann man sich ein Zusammenleben nicht vorstellen.” Foto: schemmi/pixelio.de

Eine weitere Schwierigkeit ist die mangelnde Qualifikation der Migranten. Erntehelfer etwa, die aus Polen nach Deutschland kommen, werden häufig ausgenützt mit der Begründung: ‚Die kommen eh aus dem Osten, wo das Leben nicht so teuer ist – also brauchen wir ihnen auch nicht so viel bezahlen.‘ Das wichtigste für diejenigen Menschen, die nach Deutschland zum Arbeiten kommen und nicht wieder enttäuscht nach Hause gehen wollen, ist, dass sie eine qualifizierte Ausbildung haben, um in qualifizierten Berufen arbeiten zu können.

Wie definieren Sie das Wort „Toleranz“?

Toleranz hat für mich etwas mit dem Begriff Freiheit zu tun. Freiheit ist sehr wichtig für jeden einzelnen – aber sie ist nur dann gerechtfertigt, wenn sie auch zum Wohle der Allgemeinheit eingesetzt wird. Tolerant ist man dann, wenn man sagen kann: Nicht allein meine Freiheit ist mir wichtig, sondern die Freiheit der gesamten Menschheit. Wenn man für Freiheit kämpft, kann man nicht nur für die eigene Freiheit kämpfen, sondern für die Freiheit aller.

Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu wirklicher Toleranz ist das Geld. Das Geld ist ein Statussymbol, das sehr schnell ausgrenzend wirken kann. Und die Gier danach verhindert es ein Gefühl Toleranz zu entwickeln. Wenn wir immer nur dafür kämpfen mehr Lohn zu kriegen, ist das nichts als Egoismus – und Egoismus bedeutet Intoleranz. Das ist so. Ohne Toleranz kann man sich ein Zusammenleben nicht vorstellen.

Wie man sich integriert, liegt immer an der Bereitschaft eines jeden einzelnen

Was denken Sie: Wie tolerant ist unsere Gesellschaft heute?

Sicher ist sie in mancher Hinsicht toleranter geworden, wie etwa gleichgeschlechtliche Partnerschaften zeigen. Eine Gesellschaft stößt zum Beispiel dann an die Grenzen seiner Toleranz, wenn sie beschließt: Wir sind Ungarn oder wir sind Deutsche – und wir möchten nicht, dass unsere Glaubenskultur etwa durch den muslimischen Glauben aufgeweicht wird. Es ist intolerant zu sagen: ‚Muslime braucht man in Deutschland nicht!‘ Genauso intolerant ist es ein Kopftuchverbot auszusprechen. Weil es auch viele Menschen gibt, die ihr Kopftuch freiwillig tragen – als Ausdruck ihrer Religion. Jeder Mensch sollte eine gewisse persönliche Gestaltungsfreiheit haben, die andere Menschen nicht schädigt oder einschränkt. Der eine soll eine Jeans tragen dürfen, der andere eben eine Burka.

Wann sind Sie intolerant, Herr Litvai?

Ich bin intolerant gegenüber Strömungen oder Menschen, die uns und unsere Gesellschaft schädigen wollen. Ich bin intolerant, wenn ich sehe, dass jemand ausgebeutet wird.

Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, um Menschen mit Migrationshintergrund den Schritt in die Arbeitswelt zu erleichtern?

“Wenn man die Sprache nicht beherrscht, wird man’s schwer haben.” F.: Gerd Altmann/pixelio.de

Wenn eine Gesellschaft offen ist und die Menschen nicht nach ihrer Herkunft beurteilt, sondern nach ihrer Qualifikation und ihrem Können, brauchen wir keine besonderen Regelungen. Die Grundvoraussetzung dafür, dass sich Migranten leichter in die Arbeitswelt integrieren, ist die Sprache. Wenn man die Sprache nicht beherrscht, wird man es schwer haben. Die Volkshochschulen leisten hier einen wichtigen Beitrag.

Die Menschen, die zum Arbeiten hierherkommen, müssen wissen, dass sie ohne die Sprache nicht wirklich weiterkommen. Die Angebote sind da, sie müssen nur genutzt werden. Immer nur auf Unterstützung von staatlicher Seite zu hoffen, ist langfristig gesehen fatal. Wie man sich integriert, liegt immer an der Bereitschaft eines jeden einzelnen.

Interview: Stephan Hörhammer