tun.starthilfe für Flüchtlinge im Landkreis Eichstätt

Eichstätt. Die Initiative “tun.starthilfe für flüchtlinge im Landkreis Eichstätt” sieht in der Sprache die Grundbedingung gesellschaftlicher Teilhabe und ermöglicht Flüchtlingen im Landkreis deshalb den Zugang zur deutschen Sprache. Wie das Projekt zustande kam und wer alles mitmachen kann, darüber haben wir uns mit Karolina Albrecht unterhalten.

tun

Weitere Infos gibt es auf der Homepage von “tun.starthilfe für flüchtlinge”: www.tun-starthilfe.de

Wer steckt hinter der Initiative von Live for Life e. V.? Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, diese Initiative zu gründen?

Live for Life e.V. wurde im März 2009 in Eichstätt mit einer simplen Idee gegründet: Die Welt verbessern als Schüler oder Student, sprich mit knappen Mitteln. Der Verein sollte eine Basis, eine Plattform für alle Gleichgesinnten werden, die im Austausch untereinander Benefizaktionen planen und durchführen wollen. Der Erlös daraus sollte einem gemeinsam gewählten Projekt zu Gute kommen. Die Tatsache, dass man seine Hobbys und Interessen, innerhalb eines Netzwerkes voller Gleichgesinnter, dazu verwenden kann anderen Menschen zu helfen, ist das was die Live for Life Idee auszeichnet. Man stellt diese Tätigkeit in einen Kontext, man baut ein Netzwerk auf, steht im Idealfall ständig in Kontakt und führt unentwegt neue Leute in diese Plattform ein.

Ein Teil von Live for Life e.V. ist die Initiative tun.starthilfe für flüchtlinge im landkreis eichstätt. Gegründet wurde die Initiative im Oktober 2012 von Deborah Foth, Christopher Knoll und Anna Peschke. Sie wurden durch den öffentlichen Diskurs, vor allem auch in der Lokalzeitung Donaukurier, auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Obereichstätt und damit auf die Flüchtlingsthematik aufmerksam. Durch den Kontakt zu den Sozialarbeitern der Caritas wurde relativ schnell klar, woran es fehlte: Deutschunterricht.

Der erste Kontakt mit Flüchtlingen kam über die Initiative in Pfünz, wo die ersten dezentral untergebrachten Flüchtlinge wohnten. Diese nahmen das Angebot gerne an. Und so wurde eine erste Deutschstunde im Studihaus der KU Eichstätt abgehalten. Durch Flyer an der Uni wurden auch andere Studenten auf die Initiative aufmerksam und engagierten sich als Deutschlehrer.

Durch infrastrukturelle Probleme kam allmählich die Idee, den Unterricht in die Ortschaften selbst zu verlegen. Das allerdings erforderte Strukturen und finanzielle Unterstützung. So kam auch die Idee mit Live for Life auf. Die Verbindung kam über Andreas Wurtinger zustande, dem Gründer von Live for Life e.V., denn mit tun.starthilfe ist es dem Verein nun möglich, ein örtliches Projekt zu unterstützen.

Daneben wurde tun.starthilfe als Arbeitskreis des Studentischen Konvents an der KU Eichstätt-Ingolstadt verankert und ist seit Oktober 2013 ein studentisches Freimodul im Rahmen von „EduCulture“.

Herzstück der Initiative ist der Deutschunterricht

Wie viele Freiwillige beteiligen sich denn mittlerweile an dieser Bürgerinitiative?

Zum Wintersemester 13/14 stieg die Zahl der Engagierten sprungartig auf 66 Modulteilnehmer und etwa 10 Freiwillige an. Dazu kam die zweiwöchige Frühlingssprachschule, innerhalb derer sich etwa 50 Helfer aus Eichstätt und den umliegenden Ortschaften und ehemalige Modulteilnehmer ehrenamtlich betätigten.

Durch viele Aktionen im letzten halben Jahr, konnte auch die Bekanntheit der Initiative stark erhöht werden, sodass in diesem Semester 98 Modulteilnehmer angemeldet sind. Dazu kommen etwa 50 Freiwillige, sowohl Studenten, wie auch Berufstätige, die bereits im letzten Semester mitgearbeitet haben oder durch die Frühlingsschule auf die Initiative aufmerksam wurden.

Welche Angebote gibt es?  

Das Herzstück der Initiative ist der Deutschunterricht. Einmal wöchentlich fährt ein zweiköpfiges Lehrerteam in „ihre“ Unterkunft und gibt Unterricht. An einem anderen Tag fahren dann zwei Mitglieder der individuellen Betreuer zu ihnen und unterstützen in den kleinen und großen Alltagsproblemen. Alle anderen Bereiche sind dazu da, den Lehrern die Arbeit zu erleichtern, sowie Finanzierung, Aufklärung aller Beteiligten und Hilfe zur Selbsthilfe zu sichern.

Darüber hinaus hat die Initiative den Anspruch, alle Beteiligten aufzuklären. Das heißt konkret: Informationsveranstaltungen für Flüchtlinge, Gemeinden/ Nachbarschaft, Landkreis, Institutionen und andere Initiativen, aber auch die Vernetzung untereinander, wie die Teilnahme an Ehrenamtstreffen usw.

In der vorlesungsfreien Zeit (März und August) findet außerdem eine zweiwöchige Sprachschule statt. Morgens mit Unterricht und Kinderprogramm und nachmittags mit gemeinsamen Aktivitäten, bei denen sich Helfer und Teilnehmer besser kennenlernen.

Und wie wird das Projekt finanziert?

Die Finanzierung des Projekts erfolgt in erster Linie durch Veranstaltungen und Events. Weder tun.starthilfe noch der Live for Life e.V. wollen ein reiner Spendenverein sein, sondern aktiv etwas tun, um die Finanzierung zu sichern. Das Konzept, durch Benefizveranstaltungen Geld für das Projekt zu verdienen, gab es von Beginn an. Beispielsweise durch Kuchenverkauf an der Uni, Parties oder Privatinitiativen.

Aber auch Eichstätter Firmen, Fachschaften oder Privatinitiativen unterstützen das Projekt.

“Engagement muss von innen kommen – dann ist man auch motiviert”

Die Helfer bekommen kein Geld, es werden keine festen Stellen installiert. Warum nicht?

Alle Helfer, egal ob Modulteilnehmer, Freiwillige oder Koordinationsteam arbeiten in erster Linie ehrenamtlich. Als Modulteilnehmer ist es aber möglich, sich einmalig ein Semester innerhalb der Initiative als Wahlfach anrechnen zu lassen. Die Deutschlehrer wie auch die individuellen Begleiter bekommen allerdings die Fahrtkosten in die Unterkünfte erstattet.

Der Grundgedanke ist der, dass Engagement von innen kommen muss. Wer sich selbst mit der Initiative identifizieren kann und freiwillig Verantwortung übernimmt, ist auch motiviert. Deshalb braucht es keine zusätzliche monetäre Motivation. Die große Anzahl der Teilnehmer bestätigt das.

Warum ist das Projekt Eurer Meinung nach so erfolgreich? Ist dieses Modell überall umsetzbar?

Das Projekt zeigt deutlich, dass sich Studenten gerne gesellschaftlich einbringen. Das geht ebenso über studentische Arbeitskreise oder Stiftungen, ist jedoch generell durch den straffen Zeitplan des Bologna-Systems schwierig umzusetzen. Einige sind hinsichtlich einer langfristigen Übernahme von Verantwortung skeptisch: Werde ich neben dem Studium genug Zeit haben? Was, wenn die Prüfungszeit anfängt? Kann jemand im Notfall für mich einspringen und was ist während der Semesterferien? tun.starthilfe ermöglicht als Wahlfach die Einbindung von sozialem Engagement in den Studienplan.

Die Hauptarbeit erfolgt während des Semesters und wird in den Ferien teilweise ausgesetzt. Der Erfolg liegt darin, dass die meisten (im letzten Semester 50 von 60) im kommenden Semester vollkommen ehrenamtlich weitermachen. Und das, weil sie die Möglichkeit erhalten haben, im Rahmen eines Wahlfachs die Arbeit kennenzulernen und festzustellen, dass ehrenamtliche Arbeit Mehrwert für alle Seiten besitzt und auch neben dem Studium möglich ist. Man hilft und kann gleichzeitig selbst vieles dazulernen.

Durch die Integration sowohl in Universität, wie auch Stadt und Landkreis, profitieren alle Seiten. Die Uni wächst in die Gesellschaft hinein und die in vielen Universitätsstädten übliche Einteilung von Bürgern und Studenten verschwimmt.

Derzeit wird daran gearbeitet, das Konzept der Initiative soweit zu dokumentieren, dass auch andere Universitäten auf diese Erfahrungen zurückgreifen können.

Wie kann man sich einbringen und wer kann denn alles mitmachen?

Mitmachen kann jeder. Egal ob Student, Berufstätiger, Schüler oder Rentner. Zur Auswahl stehen vier Bereiche:

1.Deutschunterricht:
Zweier-Teams unterrichten einmal wöchentlich bei den Leuten vor Ort für etwa eineinhalb Stunden. Lehrer können praktisch unbegrenzt teilnehmen, da der Unterricht auch mehrmals in der Woche stattfinden sollte. Neben einer Einführung in die Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache, stehen den Deutschlehrern viele Materialien und Ansprechpartner zur Verfügung.

2. Individuelle Begleiter:
Sie fahren, ebenso wie die Deutschlehrer,einmal wöchentlich zu zweit in „ihre“ Unterkunft. Sie helfen beispielsweise bei der Übersetzung amtlicher Schreiben, Arztterminen oder Behördengängen, suchen nach Freizeitangeboten und sind die Schnittstelle zwischen der Initiative und den ehrenamtlichen Helfern vor Ort.

3.Organisation:
Dazu gehört die Finanzierung der Arbeit, ebenso wie die Organisation von Events und Informationsveranstaltungen. Darüber hinaus ist sie zuständig für die Vernetzung zwischen Initiative, Ehrenamtlichen außerhalb, Universität, Landkreis und Gemeinden. Aber auch die Organisation und Durchführung der Sprachschulen ist in die Organisation eingebunden.

4.Kommunikation:
Das Team ist zuständig für die interne und externe Kommunikation. Es betreut die offizielle Website, den monatlichen Newsletter, die Facebookseiten und Journalistenkontakte. Die Teammitglieder verfolgen außerdem die Berichterstattung über die Initiative.