“Eine Gesellschaft, die zeigt, dass man erwünscht ist”

Seit über drei Monaten ist Sebastian Gruber (CSU) Landrat in Freyung-Grafenau. Wie er zum Thema Integration steht und wie das Landratsamt mit der dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen umgeht, darüber berichtet der 32-Jährige im vhs-Interview.

Porträt

Seit über drei Monaten der neue Landrat in Freyung-Grafenau: Sebastian Gruber (CSU)

Herr Gruber, was verstehen Sie unter Integration?

Darunter verstehe ich das Zusammenleben und Zusammenwachsen von Menschen verschiedener Herkunft in unserer Gesellschaft. Vor allen Dingen mit der Hilfestellung von Einheimischen. Wenn man versucht, verschiedene Kulturen in die eigene zu integrieren, dann ist das für mich gelebte Willkommenskultur.

Auch in Freyung-Grafenau werden Flüchtlinge seit kurzem dezentral untergebracht. Welche Erfahrungen hat das Landratsamt bislang gemacht?

Bei der Unterbringung haben wir bis jetzt fast ausnahmslos positive Erfahrungen gemacht. Wenngleich man hinzufügen muss, dass das für die beteiligten Mitarbeiter im Landratsamt und den Bürgermeistern der Gemeinden sowie alle Ehrenamtlichen schon ein hoher Aufwand ist. Was sich als außerordentlich hilfreich erwiesen hat, waren Runde Tische. Da haben sich alle gemeinsam mit dem Thema auseinandergesetzt und so die Menschen vor Ort auf die Ankunft von Asylbewerbern vorbereitet.

Natürlich erhalten wir ab und an Briefe von besorgten Bürgern, die nach dem St- Florians-Prinzip zwar grundsätzlich Verständnis dafür haben, dass Flüchtlinge in Deutschland unterkommen, aber bitte nicht in ihrer unmittelbaren Nähe.

“Auf ehrenamtlicher Ebene tut sich sehr viel!”

Welche Vorteile hat denn die dezentrale Unterbringung? Und welche Nachteile?

Ein Vorteil ist, dass sich kleinere Wohneinheiten natürlich leichter umsetzen lassen. Und die Integration der Asylbewerber ist dadurch auch um einiges leichter. Der Nachteil ist, dass größere Einheiten wie die Gemeinschaftsunterkunft meist über mehr Angebote wie Freizeitgestaltung und Sprachunterricht verfügen.

In Eichstätt hat das Projekt „tun.starthilfe für Flüchtlinge im Landkreis Eichstätt gezeigt, wie Integration vom Bürger initiiert funktionieren kann. Wäre das auch etwas für unseren Landkreis?

Grundsätzlich: ja. Aber ich glaube, so etwas funktioniert nur, wenn die Initiative tatsächlich auch von den Bürgern kommt. Man sieht ja schon an den Unterstützerkreisen, die sich seit Beginn der dezentralen Unterbringung in einigen Gemeinden gebildet haben, dass sich auf ehrenamtlicher Ebene bereits sehr vieles getan hat. Es kann durchaus sein, dass sich diese kleineren Einheiten irgendwann zu einem übergreifenden Netzwerk zusammentun. Zu tun gibt es sicherlich etwas: Der Zustrom wird mit Ende dieses Jahres nicht einfach aufhören. Wir bekommen regelmäßig Prognoseschreiben über den Flüchtlingsstrom, der nach Deutschland kommt – und der wird kontinuierlich nach oben korrigiert.

“Die Bevölkerung in unserem Landkreis ist sehr hilfsbereit”

Angesichts des demografischen Wandels: Können wir nicht froh darüber sein, dass diese Menschen zu uns kommen?

Das alleine wird den Bevölkerungsrückgang sicherlich nicht aufhalten. Viele Asylbewerber dürfen ja nicht dauerhaft bleiben und müssen Deutschland wieder verlassen. Und diejenigen, die den Antrag auf Asyl bewilligt bekommen, ziehen meist in die größeren Städte weiter. Es mag sein, dass einige Menschen vereinzelt bleiben. Da sehe ich das größte Potenzial bei den afghanischen Ortskräften – ehemalige Mitarbeiter der Bundeswehr vor Ort in Afghanistan – die ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland bekommen haben. Die werden in erster Linie in Orten untergebracht, an denen sich auch Bundeswehrstandorte befinden. Und da haben wir mit unserer Kaserne sicherlich einen Standortvorteil.

Da könnte man erwidern: Wenn diese Menschen sowieso nur für kurze Zeit bei uns bleiben, warum sollten wir uns dann für sie verantwortlich fühlen?

Ich finde schon, dass sich das gehört. Diese Menschen haben oft unendliche Strapazen und viel Leid erfahren: Es ist also das Mindeste, dass wir sie herzlich aufnehmen und in unsere Gesellschaft integrieren. Darunter verstehe ich kein „Rundum-Sorglos-Paket“, aber wir sollten diesen Menschen die Hand reichen, sie zum Beispiel mal in den Sportverein mitnehmen oder beim Einkaufen helfen. Wenn wir in Urlaub fahren und die dortige Sprache nicht sprechen, sind wir doch auch froh, wenn uns jemand weiterhilft.

Das heißt auch Willkommenskultur für mich: Eine Gesellschaft, die signalisiert, dass man erwünscht ist und die einem im Rahmen des laufenden Asylverfahrens eine Perspektive bietet. Natürlich können wir keine goldene Zukunft versprechen, aber für einen gewissen Zeitraum können wir das ein oder andere zur Verfügung stellen. Und ich glaube schon, dass die Bevölkerung in unserem Landkreis da sehr hilfsbereit ist.

“Jeder Bürger sollte als Integrationsbeauftragter auftreten”

Die bayerische Staatsregierung hat seit kurzem für diese Belange einen eigenen Integrationsbeauftragten. Wer ist denn bei uns im Landkreis für Fragen rundum Integration zuständig?

Wir verfügen natürlich über die zuständigen Fachgebiete im Landratsamt, aber einen eigenen Mitarbeiter, der sich nur um Belange der Integration kümmert, haben wir nicht. Natürlich wäre das wünschenswert, aber ich glaube auch nicht, dass das unbedingt notwendig ist. Ich sehe eigentlich eher jeden einzelnen Bürger in der Pflicht, als Integrationsbeauftragter aufzutreten.  Zudem spielen ja auch Kirchen, Wohlfahrtsverbände, Volkshochschule und Katholische Erwachsenenbildung  hier eine wichtige Rolle. Die bieten schon seit Jahren viele praktische Hilfen an.

Da zum Thema Integration nicht nur ausländische Mitbürger zählen: Wie sieht es denn mit der Integration von „Menschen mit Behinderung“ aus? Sind wir von einer Integration weit entfernt oder bewegen wir uns schon auf eine Inklusion zu? An wen kann man sich diesbezüglich bei Fragen wenden?

Beim Thema Inklusion habe ich den Eindruck, dass wir da in unserem Landkreis schon einiges im Bewusstsein der Menschen geändert haben. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass es traditionell in Freyung-Grafenau sehr viele Einrichtungen für Menschen mit einer Behinderung gibt. Und viele Bürger haben in diesen Organisationen auch ihre Berufung gefunden. Außerdem gibt es zahlreiche Initiativen wie zum Beispiel Inklunet von Johannes Spitaler und Ossi Peterlik, die immer wieder auf Nöte und Wünsche von Menschen mit Behinderung aufmerksam machen.

Und wir haben mit Petra Poxleitner, der Behindertenbeauftragten des Landkreises, eine sehr wertvolle Mitarbeiterin, die sich laufend und ausgesprochen kompetent um die Belange von Menschen mit Behinderungen kümmert. Frau Poxleitner nimmt beispielsweise an Baubesichtigungen teil und macht auf Barrierefreiheit aufmerksam. Und sie sorgt auch für eine überregionale Vernetzung möglicher Ansprechpartner.

Wie kann Integration gezielt gefördert werden? Sind derzeit im Landkreis konkrete Maßnahmen und Projekte geplant zum Thema Integration geplant?

Nein, von unserer Seite ist nichts geplant. Aber wir wirken als Partner bei vielen Unterstützernetzwerken vor Ort mit und bemühen uns, diese tatkräftig zu unterstützen.

Herr Gruber, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Dike Attenbrunner