tun.starthilfe für Flüchtlinge im Landkreis Eichstätt

Eichstätt. Die Initiative “tun.starthilfe für flüchtlinge im Landkreis Eichstätt” sieht in der Sprache die Grundbedingung gesellschaftlicher Teilhabe und ermöglicht Flüchtlingen im Landkreis deshalb den Zugang zur deutschen Sprache. Wie das Projekt zustande kam und wer alles mitmachen kann, darüber haben wir uns mit Karolina Albrecht unterhalten.

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Weitere Infos gibt es auf der Homepage von “tun.starthilfe für flüchtlinge”: www.tun-starthilfe.de

Wer steckt hinter der Initiative von Live for Life e. V.? Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, diese Initiative zu gründen?

Live for Life e.V. wurde im März 2009 in Eichstätt mit einer simplen Idee gegründet: Die Welt verbessern als Schüler oder Student, sprich mit knappen Mitteln. Der Verein sollte eine Basis, eine Plattform für alle Gleichgesinnten werden, die im Austausch untereinander Benefizaktionen planen und durchführen wollen. Der Erlös daraus sollte einem gemeinsam gewählten Projekt zu Gute kommen. Die Tatsache, dass man seine Hobbys und Interessen, innerhalb eines Netzwerkes voller Gleichgesinnter, dazu verwenden kann anderen Menschen zu helfen, ist das was die Live for Life Idee auszeichnet. Man stellt diese Tätigkeit in einen Kontext, man baut ein Netzwerk auf, steht im Idealfall ständig in Kontakt und führt unentwegt neue Leute in diese Plattform ein.

Ein Teil von Live for Life e.V. ist die Initiative tun.starthilfe für flüchtlinge im landkreis eichstätt. Gegründet wurde die Initiative im Oktober 2012 von Deborah Foth, Christopher Knoll und Anna Peschke. Sie wurden durch den öffentlichen Diskurs, vor allem auch in der Lokalzeitung Donaukurier, auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Obereichstätt und damit auf die Flüchtlingsthematik aufmerksam. Durch den Kontakt zu den Sozialarbeitern der Caritas wurde relativ schnell klar, woran es fehlte: Deutschunterricht.

Der erste Kontakt mit Flüchtlingen kam über die Initiative in Pfünz, wo die ersten dezentral untergebrachten Flüchtlinge wohnten. Diese nahmen das Angebot gerne an. Und so wurde eine erste Deutschstunde im Studihaus der KU Eichstätt abgehalten. Durch Flyer an der Uni wurden auch andere Studenten auf die Initiative aufmerksam und engagierten sich als Deutschlehrer.

Durch infrastrukturelle Probleme kam allmählich die Idee, den Unterricht in die Ortschaften selbst zu verlegen. Das allerdings erforderte Strukturen und finanzielle Unterstützung. So kam auch die Idee mit Live for Life auf. Die Verbindung kam über Andreas Wurtinger zustande, dem Gründer von Live for Life e.V., denn mit tun.starthilfe ist es dem Verein nun möglich, ein örtliches Projekt zu unterstützen.

Daneben wurde tun.starthilfe als Arbeitskreis des Studentischen Konvents an der KU Eichstätt-Ingolstadt verankert und ist seit Oktober 2013 ein studentisches Freimodul im Rahmen von „EduCulture“.

Herzstück der Initiative ist der Deutschunterricht

Wie viele Freiwillige beteiligen sich denn mittlerweile an dieser Bürgerinitiative?

Zum Wintersemester 13/14 stieg die Zahl der Engagierten sprungartig auf 66 Modulteilnehmer und etwa 10 Freiwillige an. Dazu kam die zweiwöchige Frühlingssprachschule, innerhalb derer sich etwa 50 Helfer aus Eichstätt und den umliegenden Ortschaften und ehemalige Modulteilnehmer ehrenamtlich betätigten.

Durch viele Aktionen im letzten halben Jahr, konnte auch die Bekanntheit der Initiative stark erhöht werden, sodass in diesem Semester 98 Modulteilnehmer angemeldet sind. Dazu kommen etwa 50 Freiwillige, sowohl Studenten, wie auch Berufstätige, die bereits im letzten Semester mitgearbeitet haben oder durch die Frühlingsschule auf die Initiative aufmerksam wurden.

Welche Angebote gibt es?  

Das Herzstück der Initiative ist der Deutschunterricht. Einmal wöchentlich fährt ein zweiköpfiges Lehrerteam in „ihre“ Unterkunft und gibt Unterricht. An einem anderen Tag fahren dann zwei Mitglieder der individuellen Betreuer zu ihnen und unterstützen in den kleinen und großen Alltagsproblemen. Alle anderen Bereiche sind dazu da, den Lehrern die Arbeit zu erleichtern, sowie Finanzierung, Aufklärung aller Beteiligten und Hilfe zur Selbsthilfe zu sichern.

Darüber hinaus hat die Initiative den Anspruch, alle Beteiligten aufzuklären. Das heißt konkret: Informationsveranstaltungen für Flüchtlinge, Gemeinden/ Nachbarschaft, Landkreis, Institutionen und andere Initiativen, aber auch die Vernetzung untereinander, wie die Teilnahme an Ehrenamtstreffen usw.

In der vorlesungsfreien Zeit (März und August) findet außerdem eine zweiwöchige Sprachschule statt. Morgens mit Unterricht und Kinderprogramm und nachmittags mit gemeinsamen Aktivitäten, bei denen sich Helfer und Teilnehmer besser kennenlernen.

Und wie wird das Projekt finanziert?

Die Finanzierung des Projekts erfolgt in erster Linie durch Veranstaltungen und Events. Weder tun.starthilfe noch der Live for Life e.V. wollen ein reiner Spendenverein sein, sondern aktiv etwas tun, um die Finanzierung zu sichern. Das Konzept, durch Benefizveranstaltungen Geld für das Projekt zu verdienen, gab es von Beginn an. Beispielsweise durch Kuchenverkauf an der Uni, Parties oder Privatinitiativen.

Aber auch Eichstätter Firmen, Fachschaften oder Privatinitiativen unterstützen das Projekt.

“Engagement muss von innen kommen – dann ist man auch motiviert”

Die Helfer bekommen kein Geld, es werden keine festen Stellen installiert. Warum nicht?

Alle Helfer, egal ob Modulteilnehmer, Freiwillige oder Koordinationsteam arbeiten in erster Linie ehrenamtlich. Als Modulteilnehmer ist es aber möglich, sich einmalig ein Semester innerhalb der Initiative als Wahlfach anrechnen zu lassen. Die Deutschlehrer wie auch die individuellen Begleiter bekommen allerdings die Fahrtkosten in die Unterkünfte erstattet.

Der Grundgedanke ist der, dass Engagement von innen kommen muss. Wer sich selbst mit der Initiative identifizieren kann und freiwillig Verantwortung übernimmt, ist auch motiviert. Deshalb braucht es keine zusätzliche monetäre Motivation. Die große Anzahl der Teilnehmer bestätigt das.

Warum ist das Projekt Eurer Meinung nach so erfolgreich? Ist dieses Modell überall umsetzbar?

Das Projekt zeigt deutlich, dass sich Studenten gerne gesellschaftlich einbringen. Das geht ebenso über studentische Arbeitskreise oder Stiftungen, ist jedoch generell durch den straffen Zeitplan des Bologna-Systems schwierig umzusetzen. Einige sind hinsichtlich einer langfristigen Übernahme von Verantwortung skeptisch: Werde ich neben dem Studium genug Zeit haben? Was, wenn die Prüfungszeit anfängt? Kann jemand im Notfall für mich einspringen und was ist während der Semesterferien? tun.starthilfe ermöglicht als Wahlfach die Einbindung von sozialem Engagement in den Studienplan.

Die Hauptarbeit erfolgt während des Semesters und wird in den Ferien teilweise ausgesetzt. Der Erfolg liegt darin, dass die meisten (im letzten Semester 50 von 60) im kommenden Semester vollkommen ehrenamtlich weitermachen. Und das, weil sie die Möglichkeit erhalten haben, im Rahmen eines Wahlfachs die Arbeit kennenzulernen und festzustellen, dass ehrenamtliche Arbeit Mehrwert für alle Seiten besitzt und auch neben dem Studium möglich ist. Man hilft und kann gleichzeitig selbst vieles dazulernen.

Durch die Integration sowohl in Universität, wie auch Stadt und Landkreis, profitieren alle Seiten. Die Uni wächst in die Gesellschaft hinein und die in vielen Universitätsstädten übliche Einteilung von Bürgern und Studenten verschwimmt.

Derzeit wird daran gearbeitet, das Konzept der Initiative soweit zu dokumentieren, dass auch andere Universitäten auf diese Erfahrungen zurückgreifen können.

Wie kann man sich einbringen und wer kann denn alles mitmachen?

Mitmachen kann jeder. Egal ob Student, Berufstätiger, Schüler oder Rentner. Zur Auswahl stehen vier Bereiche:

1.Deutschunterricht:
Zweier-Teams unterrichten einmal wöchentlich bei den Leuten vor Ort für etwa eineinhalb Stunden. Lehrer können praktisch unbegrenzt teilnehmen, da der Unterricht auch mehrmals in der Woche stattfinden sollte. Neben einer Einführung in die Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache, stehen den Deutschlehrern viele Materialien und Ansprechpartner zur Verfügung.

2. Individuelle Begleiter:
Sie fahren, ebenso wie die Deutschlehrer,einmal wöchentlich zu zweit in „ihre“ Unterkunft. Sie helfen beispielsweise bei der Übersetzung amtlicher Schreiben, Arztterminen oder Behördengängen, suchen nach Freizeitangeboten und sind die Schnittstelle zwischen der Initiative und den ehrenamtlichen Helfern vor Ort.

3.Organisation:
Dazu gehört die Finanzierung der Arbeit, ebenso wie die Organisation von Events und Informationsveranstaltungen. Darüber hinaus ist sie zuständig für die Vernetzung zwischen Initiative, Ehrenamtlichen außerhalb, Universität, Landkreis und Gemeinden. Aber auch die Organisation und Durchführung der Sprachschulen ist in die Organisation eingebunden.

4.Kommunikation:
Das Team ist zuständig für die interne und externe Kommunikation. Es betreut die offizielle Website, den monatlichen Newsletter, die Facebookseiten und Journalistenkontakte. Die Teammitglieder verfolgen außerdem die Berichterstattung über die Initiative.

„Frauen klettern an die Spitze, Männer fahren mit der Seilbahn“

Grafenau. „Vor über 100 Jahren hätte ich als Frau hier nicht öffentlich reden dürfen. Das war verboten.“ Mit diesen Worten eröffnete Gertraud Seidl, die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Freyung-Grafenau, die Podiumsdiskussion zur Stellung von Frauen in Beruf, Politik und Familie in der Tschechischen Republik sowie in Deutschland. Im Rahmen des XENOS-Projekts „Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos“ hatten die Volkshochschule, die Gleichstellungsstelle des Landratsamtes, das Jobcenter und die Kreisbibliothek den Weltfrauentag am 8. März zum Anlass genommen, um mit einer Veranstaltungsreihe auf die immer noch währende weltweite Benachteiligung von Frauen aufmerksam zu machen.

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Bei der Podiumsdiskussion unter Leitung von Gertraud Seidel (3. von rechts) wurde lebhaft über die Stellung der Frau diskutiert. Fotos: Franz Hintermann

Sensibilisierung der Bevölkerung in der Grenzregion

Zum Diskussionsthema „Chancen für Frauen grenzenlos“ waren nicht nur etliche weibliche, sondern auch männliche Zuhörer im Grafenauer Rathaus erschienen – auch der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Grafenau, Martin Hartmann, ließ es sich nicht nehmen, ein Grußwort zu sprechen, ebenso wie die stellvertretende Landrätin Renate Cerny. Beide wiesen darauf hin, wie wichtig eine gemeinsame Veranstaltung von tschechischen und deutschen Frauen gerade in Bezug auf die Sensibilisierung der Bevölkerung in der Grenzregion sei.

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Impulsreferat von Selma Keck, die an der Realschule Grafenau Tschechisch unterrichtet.

Passend zum Thema gab es zunächst ein Impulsreferat von Selma Keck, die an der Realschule Grafenau Tschechisch unterrichtet. Zur Stellung der Frau in der heutigen tschechischen Gesellschaft wurde ausgeführt, dass die Beschäftigung der Frauen mit über 56 % hoch ist und in der letzten Wahlperiode drei Ministerinnen im Amt waren.

Anschließend wurde der Kurzfilm „Grenzenlose Freundschaft“ des Gymnasiums Freyung gezeigt, der vergangenes Jahr beim Filmwettbewerb der vhs sowohl für die „Beste Idee“ als auch für den „Besten Film“ ausgezeichnet worden war. Der Beitrag handelt von der Integration einer tschechischen Gastschülerin und zeigt dem Zuschauer auf, wie irrational manche Ängste und Vorurteile oftmals sind.

“Frauen klettern an die Spitze, Männer fahren mit der Seilbahn”

Den umgekehrten Weg schlug Hanna Zintel ein: Die Studentin hatte im Rahmen ihres Studiums ein Auslandspraktikum in Tschechien absolviert.

Gemeinsam mit der Immobilienmaklerin Hanna Adámková, der Dolmetscherin Ivana Bošinová, Vendula Maihorn von EUROPE DIRECT und der Vereinsvorsitzenden von „wild&weiblich“, Roswitha Prasser, bereicherte sie das Podium, das von der Gleichstellungsbeauftragten Getraud Seidl moderiert wurde.

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Die Teilnehmerinnen waren sich zwar nicht immer einig, wohl aber in diesem Punkt: Sowohl in Deutschland als auch in Tschechien müssen Frauen für die gleiche Anerkennung im Job bislang noch mehr leisten als Männer. Auch wenn das möglicherweise eine Generationenfrage sein könnte. Wie Hanna Zintel beispielsweise bei der Diskussion um die Einführung einer Frauenquote anmerkte, seien junge Frauen heutzutage selbstbewusster. Und diese Frauen würden lieber auf Grund ihrer Qualifikationen als wegen einer Quote eingestellt werden.

Multikulturelle Rockband “DART” und Fotoausstellung “Frauen mit Leidenschaft”

Dennoch: „Frauen müssen an die Spitze klettern, Männer fahren mit der Seilbahn“, konstatierte Moderatorin Gertraud Seidl am Ende des Abends. Auch wenn viele Dinge dieser Tage für Frauen selbstverständlich seien und bereits viel erreicht worden wäre, sollten Frauen Gleichberechtigung nicht für eine Selbstverständlichkeit halten. Chancengleichheit sei nicht in allen Bereichen gegeben, so Seidl, und mancherorts wünsche man sich durchaus noch die ein oder andere Frauenstimme mehr.

Zum Beispiel in der Politik: „Im Kreistag des Landkreises Freyung-Grafenau werden nur zehn Prozent von Frauen gestellt!“ Das sei doch ein guter Grund, bei den anstehenden Wahlen verstärkt Frauen zu wählen, meinte denn auch die stellvertretende Landrätin Renate Cerny.

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Die multikulturelle Rockband “DART”

Musikalisch wurde die Veranstaltung von der multikulturellen Rockband DART (Die Anderen – Respekt und Toleranz) umrahmt. Die Schülerband wurde von der vhs und dem musikalischen Leiter Christian Balboo Bojko ebenfalls im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” gegründet und kann jederzeit für soziale Veranstaltungen gebucht werden, die Integration, Vielfalt und Toleranz in den Mittelpunkt stellen.

Bebildert wurde der Abend mit der Fotoausstellung „Frauen mit Leidenschaft“ von Franz Hintermann. Wer die Porträts noch nicht gesehen hat, hat dazu übrigens am kommenden Donnerstag,  13. März um 19.30 Uhr bei der Veranstaltung „Der Weltfrauentag danach“ im Kunstraum Schmiedgasse in Waldkirchen die Gelegenheit.

 

Interview-Serie “Toleranz” (9): Die angehende Ergotherapeutin Maxine Naujok

Freyung-Grafenau. Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich alles um “Toleranz”. Aber was ist damit gemeint? Bedeutet tolerantes Verhalten für jeden dasselbe? Und wie tolerant ist unsere Gesellschaft eigentlich? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: Die angehende Ergotherapeutin Maxine Naujok.

“Eine tolerante Gesellschaft ist längst keine Utopie mehr”

Was bedeutet „Toleranz“ für Sie?

Auszubildende im Bereich Ergotherapie – Maxine Naujok.

Toleranz bedeutet für mich, dass alle Menschen, egal ob Migranten, egal welche Religion oder Hautfarbe und sowohl mit als auch ohne Behinderung, von der Gesellschaft so angenommen werden, wie sie sind und – soweit möglich – gleichberechtigt behandelt werden.

Was denken Sie: Wie tolerant ist unsere Gesellschaft heute? Hat sich in den letzten Jahren etwas geändert?

Sowohl in der Kinderbetreuung, als auch in der Ergotherapie ist Toleranz für mich ein sehr wichtiges und allgegenwärtiges Thema. Mit den Klienten sowie mit den Kindern sollte möglichst vorurteilsfrei gearbeitet, jeder sollte angemessen behandelt werden. Zugleich lernt man nicht nur andere Kulturen, sondern auch die verschiedenen Sichtweisen der Menschen auf bestimmte Dinge oder auch deren individuelle Lebensweisen kennen.

Auch in der Gesellschaft allgemein, finde ich, hat sich bereits einiges getan. Homosexualität, zum Beispiel, oder Zugehörigkeit zu uns fremden Religionen ist kein absolutes No-Go mehr. Zwar ist der Weg zu einer wirklich toleranten Gesellschaft noch lang, aber längst keine Utopie mehr.

“In FRG gibt es für Toleranz unzählige Beispiele”

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen der Toleranz? Wo beginnt sie, wo hört sie auf?

Man kann Toleranz meiner Meinung nach nicht in “Grenzen” setzen. Ansonsten würde ich am ehesten sagen, sie fängt bei den Kids, zum Beispiel in Integrationsklassen, an. Für mich persönlich “endet” die Toleranz, wenn sich beispielsweise Ausländer genau bestimmten negativen Klischees entsprechend verhalten, oder wenn sie selbst Deutsche ausschließen oder diskriminieren.

Können Sie Beispiele für tolerantes Verhalten in Freyung-Grafenau nennen?

Beispiele für Toleranz gibt es in FRG unzählige. Eines davon wäre zum Beispiel die Möglichkeit, in den Wolfsteiner Werkstätten Seite an Seite mit behinderten Mitmenschen zu arbeiten.

Auch das “Volksmusik-Projekt” von Dominik Hilgart und Sebastian Hackl hilft sozusagen bei der Integration von Kindern in den Grundschulklassen. Hier haben sie die Möglichkeit, einen Teil der bayerischen Kultur besser kennenzulernen ohne dabei ausgeschlossen zu werden, nur weil sie “keine Bayern” sind.

Und auch beim KJR werden manche Tagesfahrten gemeinsam mit Fördereinrichtungen organisiert, behinderte oder benachteiligte Kinder und Jugendliche erhalten somit auch die Möglichkeit, an dem Programm teilzunehmen.

Interview: Katharina Niemetz

Interview-Serie “Toleranz” (8): Musiklehrer Dominik Hilgart

Freyung-Grafenau. Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich alles um “Toleranz”. Aber was ist damit gemeint? Bedeutet tolerantes Verhalten für jeden dasselbe? Und wie tolerant ist unsere Gesellschaft eigentlich? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: der Musiklehrer und Inhaber von DH-Musikservice, Dominik Hilgart.

“Unsere Gesellschaft ist in den letzten Jahren wesentlich toleranter geworden”

Musiklehrer und Inhaber des DH-Musikservice, Dominik Hilgart.

Was bedeutet „Toleranz“ für Sie?

Jeder Mensch unterscheidet sich voneinander. Für mich ist Toleranz die Fähigkeit, dies zu erkennen und diese Verschiedenheiten zu akzeptieren. Ja, getan hat sich, glaube ich, einiges. Ich als Musiklehrer arbeite zum Glück sowieso in einer Branche, in der Toleranz extrem wichtig ist und in der es ohne sie nicht funktionieren würde. In der Musik werden immer neue Kulturen, neue Welten und neue Werte miteinander verbunden.

Was denken Sie: Wie tolerant ist unsere Gesellschaft heute? Hat sich in den letzten Jahren etwas geändert?

Auch im Allgemeinen ist unsere Gesellschaft wesentlich toleranter geworden. Einige Dinge, die vor ein paar Jahren noch als sehr ungewöhnlich galten, werden heute einfach besser akzeptiert, was man auch am Beispiel der Homosexualität sehen kann. Natürlich versuchen die meisten Menschen andere Kulturen oder Werte zu akzeptieren, aber vieles braucht einfach seine Zeit. Ich denke wir sind auf einem guten Weg zu einer toleranten Gesellschaft, auch wenn es noch viele Hindernisse gibt.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen der Toleranz? Wo beginnt sie, wo hört sie auf?

Wer sich Artikel 1 des Grundgesetzes ansieht, weiß, wo der Ansatzpunkt ist. Wer den Wert, den jeder einzelne Mensch besitzt, erkannt hat, der hat den ersten Schritt in ein tolerantes Leben gemacht. Die Grenze dieser Toleranz ist erreicht, wenn die Gleichwertigkeit  eines jeden Lebens nicht mehr gegeben ist.

“Ein Musterbeispiel für tolerantes Verhalten ist meine Heimatgemeinde Hohenau”

Können Sie Beispiele für tolerantes Verhalten in Freyung-Grafenau nennen?

Freyung-Grafenau braucht sich im Bereich Toleranz nicht zu verstecken. Ich bin in verschiedenen Grundschulen als externer Lehrer für Musikprojekte tätig und bin immer wieder erstaunt, was sich in den letzten Jahren im Bereich Integration, Inklusion und interkultureller Unterricht getan hat.

Auch der Umgang und die Arbeit mit behinderten Menschen, ist in unserem Landkreis, dank der vielen Förder- und Werkstätten, sowie der Wohneinrichtungen, sehr gut ausgeprägt. Ein Musterbeispiel ist für mich auch meine Heimatgemeinde Hohenau. Deren ständiger Kontakt und die großartige Unterstützung für unsere Partnergemeinde Toszek ist für mich wirklich ein Beispiel für tolerantes Verhalten.

Interview: Katharina Niemetz

Interview-Serie “Toleranz” (7): MdL Alexander Muthmann

Freyung-Grafenau. Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich alles um “Toleranz”. Aber was ist damit gemeint? Bedeutet tolerantes Verhalten für jeden dasselbe? Und wie tolerant ist unsere Gesellschaft eigentlich? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: MdL Alexander Muthmann.

“Toleranz ist die Grundlage des Schutzes von Minderheiten”

Herr Muthmann, was bedeutet Toleranz für Sie?

Toleranz ist das Akzeptieren von Menschen, die anders sind als wir. Die Andersartigkeit kann sich dabei auf Meinungen, Überzeugungen, Sitten und Wertvorstellungen beziehen. Letztlich ist die Toleranz auch Ausdruck von Wertschätzung gegenüber Menschen in ihrer Individualität und Einzigartigkeit. Toleranz ist damit auch die Grundlage des Schutzes von Minderheiten.

Was glauben Sie: Wie tolerant ist unsere Gesellschaft heute? Hat sich in den letzten Jahren etwas geändert?

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MdL Alexander Muthmann

Andere Länder, andere Kulturen und andere Sitten sind uns durch die Globalisierung, durch die sekundenschnelle Berichterstattung vom anderen Ende der Welt und vor allem auch das Internet sehr viel näher und präsenter. Damit stieg meines Erachtens auch das Bewusstsein, dass die Unterschiedlichkeit einzelner Menschen und Gesellschaften, aber auch die Unterschiedlichkeit von Überzeugungen und Religionen ihre Berechtigung hat und Achtung, also Toleranz verdient. Ich denke schon, dass die Gesellschaft –  insbesondere durch diese Entwicklungen und die heute zur Selbstverständlichkeit gewordene Begegnung mit Menschen anderer Hautfarbe, anderer Kultur und anderer Überzeugung – toleranter geworden ist.

Ein gutes Beispiel für Toleranz ist die Arbeit von Johannes Spittaler in Ringelai …

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen der Toleranz? Wo beginnt sie, wo hört sie auf?

Toleranz ist zunächst von Beliebigkeit abzugrenzen. Toleranz bedeutet nicht, jede andere Meinung gut finden zu müssen. Es reicht, die Andersartigkeit zu erkennen, zu akzeptieren und sich damit wertschätzend auseinanderzusetzen. Keine Toleranz darf erwartet werden gegenüber Gewalt - oder ganz allgemein gegenüber einem Verhalten, das die Rechte anderer Menschen verletzt. Keine Toleranz ist nach meiner Überzeugung denkbar gegenüber politischem Extremismus: keine Toleranz von Intoleranz!

Können Sie Beispiele für tolerantes Verhalten in Freyung-Grafenau nennen?

Wer in der Politik tätig ist, muss täglich andere Auffassungen und Überzeugungen würdigen und in diesem Sinne tolerant sein. Man muss nicht andere Haltungen und Meinungen selbst für richtig halten, aber man muss sich damit auseinandersetzen. Das passiert natürlich auch täglich im Landkreis Freyung-Grafenau. Was den Glauben angeht, da denke ich zum Beispiel an das Wort-Geist-Zentrum, das immer wieder Tagungen in Freyung abhält. Für katholische oder evangelische Bürger ist dieser Glauben oft fremd. Dennoch werden die Anhänger von Wort- und Geist in Freyung willkommen geheißen.

Wenn ich an andere Kulturen denke, fällt mir das Asylbewerberheim in Grafenau ein. Ich denke die Menschen die dort leben sind mittlerweile wesentlich besser in unsere Gesellschaft integriert – weil wir toleranter geworden sind. Mir fällt auch noch Johannes Spitaler in Ringelai ein, dessen Ziel es ist, Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft zu integrieren. Was er bisher geschafft hat zeigt, dass die Gesellschaft in den letzten 200 Jahren eine ermutigende Entwicklung hinter sich gebracht hat, die aber längst noch nicht zu Ende ist.

Interview: Dike Attenbrunner

Interview-Serie “Toleranz” (6): Staatsminister Helmut Brunner

 Freyung-Grafenau. Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich alles um “Toleranz”. Aber was ist damit gemeint? Bedeutet tolerantes Verhalten für jeden dasselbe? Und wie tolerant ist unsere Gesellschaft eigentlich? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: der bayerische Staatsminister Helmut Brunner.

“Toleranz ist keine Selbstverständlichkeit, sie ist immer wieder in Gefahr”

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Der bayerische Staatsminister Helmut Brunner. Foto: StMELF

Was bedeutet Toleranz für Sie?

Toleranz könnte man mit dem bayerischen Motto „Leben und leben lassen” umschreiben.

Was denken Sie: Wie tolerant ist unsere Gesellschaft heute? Hat sich in den letzten Jahren etwas geändert?

Ich denke, wir leben grundsätzlich in einer der tolerantesten Gesellschaften, die Deutschland je hatte. Aber Toleranz ist keine Selbstverständlichkeit, sie ist immer wieder in Gefahr. Es gibt sicher auch heute noch immer wieder Situationen, wo Vorurteile oder Ängste vor Fremdem einem toleranten Denken und Handeln entgegenstehen. Toleranz wird gefördert, wenn es gelingt, solche Vorurteile und Ängste abzubauen.

“Toleranz ist geprägt von gegenseitigem Verständnis und Akzeptanz”

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen der Toleranz? Wo beginnt sie, wo hört sie auf?

Toleranz ist geprägt von gegenseitigem Verständnis und gegenseitiger Akzeptanz. Sie hört da auf, wo Einzelne Schaden nehmen, wo Gesetze übertreten werden, wo das friedliche Zusammenleben in einer Gesellschaft gefährdet wird.

Können Sie Beispiele für tolerantes Verhalten in Freyung-Grafenau nennen?

Als positives Beispiel möchte ich das Zusammenleben zwischen Asylbewerbern und den Bürgern in Grafenau hervorheben. Obwohl in der Stadt eine Asylbewerber-unterkunft mit ca. 130 Plätzen besteht, sorgt die Einrichtung für keine Schlagzeilen. Denn hier engagieren sich seit Jahrzehnten Männer und Frauen in vielfältiger Weise ehrenamtlich: Sie geben regelmäßig Sprachkurse, organisieren Fahrten, spielen und basteln mit den Kindergartenkindern in der Unterkunft. Das alles baut Hindernisse, Ängste und Vorurteile ab und fördert das friedliche Zusammenleben.

Interview: Dike Attenbrunner

Interview-Serie “Toleranz” (5): Lotte Heerschop

Freyung-Grafenau. Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich alles um “Toleranz”. Aber was ist damit gemeint? Bedeutet tolerantes Verhalten für jeden dasselbe? Und wie tolerant ist unsere Gesellschaft eigentlich? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: Slow Food-Mitarbeiterin Lotte Heerschop aus Berlin.

“Toleranz ist ein schwer zu greifender Begriff”

Was bedeutet „Toleranz“ für Sie?

Lotte Heerschop

Lotte Heerschop. Foto: privat

Toleranz ist für mich einer dieser schwer zu greifenden Begriffe. Es fängt schon damit an, dass Toleranz ein eher positiv belegter Begriff ist, während das Verb tolerieren häufig eine negative Konnotation beinhaltet: man gibt bestimmten Handlungen und Geschehnissen Raum, die man zwar toleriert, mit denen man sich aber nicht unbedingt auseinandersetzt oder die man gar gutheißen würde.

In Fragen der gesellschaftlichen Integration zum Beispiel ist es deshalb meines Erachtens besser, statt dem Begriff der Toleranz von gegenseitigem Verstehen und dem aktiven Austausch unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen zu sprechen. In einer für mich positiven Deutung des Begriffs verstehe ich Toleranz als die Fähigkeit einer Gesellschaft, die persönlichen Merkmale und Einstellungen von Individuen oder Gruppen, die einer Minderheit angehören, nicht zu stigmatisieren und mit sozialem Ausschluss zu bestrafen.

Was denken Sie: Wie tolerant ist unsere Gesellschaft heute? Hat sich in den letzten Jahren etwas geändert?

Ich denke schon, dass sich in den letzten Jahren Einiges geändert hat. Wenn man beispielsweise die Begriffe “Sexualität” oder “Religionszugehörigkeit” aufgreift, bildet sich für mich in Deutschland ganz klar ein mehrheitliches Verständnis aus, welches es als völlig normal betrachtet, homosexuell zu sein, oder einer anderen Religion anzugehören. Dadurch können Menschen, die  früher durch dieses Anderssein Ausgrenzung oder sogar Strafen ausgesetzt waren, in der Mitte der Gesellschaft leben und ihre persönlichen Präferenzen frei ausüben.

sich aktiv mit Toleranz auseinandersetzen, ist eine wichtige Aufgabe

Dass jedoch auch in Europa immer wieder Tendenzen zu anti-tolerantem Verhalten auftauchen, zeigt der aktuelle politische Diskurs um das Leben der Sinti und Roma in Europa und Deutschland. Es bleibt also immer eine wichtige Aufgabe der Politik und der Zivilgesellschaft, sich aktiv mit der Frage der Toleranz in unserer Gesellschaft auseinander zu setzen.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen der Toleranz? Wo beginnt sie, wo hört sie auf?

Toleranz ist Verhandlungssache. In jeder Freundschaft, jeder Familie und jeder Gemeinschaft muss darüber diskutiert werden, welche grundlegenden Werte verfolgt werden sollen. Diese grundlegenden Werte setzen folglich die Grenzen, welches Verhalten toleriert werden kann, und welches Verhalten gegen diese Werte verstößt. Für mich wird die Grenze dort überschritten, wo bestimmte Gruppen oder Individuen andere in ihrer Freiheit einschränken, die Menschenrechte verletzen oder das Grundgesetz missachten.

Interview: Dike Attenbrunner

Interview-Serie “Toleranz” (4): Philipp Tanzer

Freyung-Grafenau. Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich alles um “Toleranz”. Aber was ist damit gemeint? Bedeutet tolerantes Verhalten für jeden dasselbe? Und wie tolerant ist unsere Gesellschaft eigentlich? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: Der angehende Realschullehrer und Basketballtrainer beim TV-Freyung Philipp Tanzer.

“Die Toleranz gegenüber dem Anderssein ist bei uns auf hohem Niveau”

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Philipp Tanzer, angehender Realschullehrer und Basketballtrainer. Foto: Tanzer

Als  Mathematiker – und dementsprechend eher den Naturwissenschaften verschrieben, würde ich zuerst naiv antworten: Toleranz ist für mich die zu duldende Abweichung von einem Normwert, beispielsweise die Toleranz bei Messungen im Zuge von Experimenten.

Und bereits hier ergeben sich die ersten Schwierigkeiten: Wer legt einen Normwert fest, was gilt als “normal”. Was sind eigentlich Abweichungen? Sollte man im Zusammenhang mit Menschen überhaupt von “dulden” sprechen? Diese Fragen machen für mich den Begriff “Toleranz” aus.

Um aber eine etwas praktischere Antwort zu liefern: Toleranz muss immer in Relation gesehen werden, also: tolerant gegenüber etwas oder jemanden sein. Und daher ist Toleranz meiner Meinung nach grundlegend bestimmt von Offenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber Anderen oder Anderem.

Was denken Sie: Wie tolerant ist unsere Gesellschaft heute? Hat sich in den letzten Jahren etwas geändert?

Ich glaube nicht, dass sich über unsere gesamte Gesellschaft eine pauschalisierende Aussage zur Toleranz treffen lässt. Unsere heutige Gesellschaft ist sicher aufgeklärter und könnte durchaus von den Erfahrungen und Fehlern der Vergangenheit profitieren und lernen. Ob das aber tatsächlich der Fall ist, ist schwer einzuschätzen.

Auf der einen Seite zeigen Aktionen wie diese hier das Engagement der Menschen zu mehr Toleranz und Integration, andererseits entwickelt sich zum Beispiel, durch die immer größer vernetzten Entscheidungen, gerade auf europäischer Ebene, sicher auch eine Mentalität, die eher von weniger Toleranz geprägt ist. Festhalten würde ich allerdings, dass sich Toleranz gegenüber dem Anderssein in jeglicher Hinsicht, gerade bei uns, auf einem hohen Niveau befindet.

“Sport verbindet und leistet einen großen Beitrag zur Integration”

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen der Toleranz? Wo beginnt sie, wo hört sie auf?

Aus Sicht von Zeit und Ort muss Toleranz im Alltag beginnen, da sie vor allem so tatsächlich umgesetzt werden kann. Die Diskussion über mehr Toleranz oder auch das Engagement in entsprechenden Projekten und Aktionen ist grundlegend wichtig, aber vor allem im täglichen Umgang mit anderen Menschen und deren Individualität sollte Toleranz sozusagen im Kleinen gelebt werden.

Toleranz hat für mich auch mit Gleichberechtigung zu tun und nicht mit dem übermäßigen Bevorteilen von vielleicht anderswo Benachteiligten. Das Ziel sollte sein, allen die gleichen Chancen einzuräumen und nicht manchen zu besseren Voraussetzungen zu verhelfen. Daher ist bei Toleranz für mich dort eine Grenze zu ziehen, wo sie zur Vorteilsnahme missbraucht wird oder wo andere zu Schaden kommen.

Können Sie Beispiele für tolerantes Verhalten in Freyung-Grafenau nennen?

Eigene Erfahrungen habe ich hier vor allem im Bereich des Sportvereins gemacht. Als Trainer der Basketballmannschaften des TV- Freyung komme ich natürlich mit vielen Sportlern in Kontakt und immer wieder herrscht eine gewisse Fluktuation in den Mannschaften. Berufs- oder studienbedingt stoßen auch hin und wieder ausländische Spieler zu uns. Dann heißt es, das meist verrostete Englisch auspacken, und mit dem “Neuen” ins Gespräch kommen. Die Integration in die Mannschaft war noch nie eine große Hürde und spätestens nach dem gemeinsamen Bier nach dem Sport, könnte man die Eingliederung als abgeschlossen betrachten.

Im Moment trainiert jeden Freitag der indische Venit beim Herrenteam mit und freut sich jede Woche auf die zwei Stunden Basketball mit der Mannschaft. Aber nicht nur dieses Beispiel des indischen Gastspielers zeigt, wie gut der Sport zur Integration dienen kann. Seit dieser Saison hat sich auch Luca dem Team angeschlossen, der nach acht Jahren wieder von Amerika nach Bayern zurückgekehrt ist. Durch den Sport hat er sich in kürzester Zeit in Freyung eingelebt, seine Familie besucht jedes Spiel und hat so einige Bekanntschaften geschlossen. Wie schnell neue Spieler und nicht selten auch deren Familie, die oft von weit her in unsere Region kommen, durch offenes Auftreten und tolerantes Verhalten im Team aufgenommen werden, zeigt, dass Sport verbindet und einen großen Beitrag zur Integration nicht nur in den Verein leisten kann.

“Die Devise: Toleranz im Kleinen leben”

Wie kann man für mehr Toleranz in der Schule sorgen?

Als angehender Lehrer habe ich natürlich auch die ein oder andere Situation im Zusammenhang mit tolerantem Verhalten von Schülern erlebt, wobei sich da die unterschiedlichsten Verhaltensweisen zeigen können. Manche Kinder legen schon eine fast vorbildliche Toleranz gegenüber ihren Mitschülern und deren Eigenarten und Meinungen an den Tag. Und nicht selten haben diese Schüler dann eine gewisse Vorbildfunktion, wenn sie vom Lehrer dementsprechend unterstützt werden. Dazu gehört eben auch, auf jeden Schüler unvoreingenommen und offen zuzugehen und jede Äußerung ernst zu nehmen.

Oft beweist sich aber auch in der Klasse, dass Kinder grausam sein können oder zumindest wenig tolerant im Umgang untereinander sind. Dabei verhalten sich die Schüler aber meist so, wie sie es daheim “gelernt” haben, das heißt von ihren Eltern vorgelebt bekommen. Der Einfluss von Erziehung auf das Verhalten von Schülern kann daher nicht unterschätzt werden. Deswegen würde meiner Meinung nach ein toleranter Umgang in den Familien auch das Verhalten der Kinder beeinflussen, die, als Vorbild durch den Lehrer verstärkt, wiederum das Klima in ihrer Klasse beeinflussen und somit für mehr Toleranz in der Schule sorgen können. Wieder also die Devise: Toleranz im Kleinen leben!

Interview: Daniela Jungwirth

Interview-Serie “Toleranz”(3): MdL Bernhard Roos

Freyung-Grafenau. Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich alles um “Toleranz”. Aber was ist damit gemeint? Bedeutet tolerantes Verhalten für jeden dasselbe? Und wie tolerant ist unsere Gesellschaft eigentlich? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: MdL Bernhard Roos.

“Menschen auf ihrem individuellen Lebensweg begleiten und unterstützen”

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MdL Bernhard Roos. Foto: Roos

Herr Roos, was bedeutet “Toleranz” für Sie?

Toleranz bedeutet für mich, die Dinge an meinem Gegenüber zu erkennen,
die uns voneinander unterscheiden – und diese als gegeben und als unabänderliche
Merkmale seiner Persönlichkeit zu verstehen und zu akzeptieren. Toleranz heißt aber auch, Menschen auf ihren individuellen Lebenswegen zu begleiten und sie hierbei zu unterstützen, anstatt sie auf einen von vornherein vorgezeichneten und mir genehmen Pfad hintrimmen zu wollen.

Was denken Sie: Wie tolerant ist unsere Gesellschaft heute? Hat sich in den letzten Jahren etwas geändert?

Die Gesellschaft in den Städten ist sicherlich toleranter geworden, weil hier auch kontrastreiche Gesellschaftsschichten aus unterschiedlichsten Regionen weltweit zusammentreffen. Ein Zusammenleben ist ohne ein Mindestmaß an Toleranz heutzutage in der Stadt wohl gar nicht mehr möglich. Dies verändert die Gesellschaft schleichend aber dennoch spürbar zum Positiven hin.

Anders stellt sich die Situation jedoch im ländlichen Raum dar. Hier gelten zum Teil noch die Ansichten, wie sie vor hundert Jahren schon als unumstößlich galten. Nur sehr langsam gelingt es hier, festzementierte Wertvorstellungen soweit aufzuweichen, dass daneben noch andere, andersartige Werte gleichberechtigt existieren können. Hier gibt es noch sehr viel zu tun, aber auch hier ist sicherlich schon einiges in Bewegung geraten - dank vor allem privater Initiativen gerade in der Wirtschaft und der Kulturszene.

“Freiheit ist immer die Freiheit des anderen”

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen der Toleranz? Wo beginnt sie, wo hört sie auf?

Toleranz beginnt in dem Moment, in dem das jeweilige Gegenüber seinen Anspruch auf seine höchstpersönliche Freiheit und auf sein Dasein als selbstbestimmtes Individuum erhebt. Sie endet dort, wo das persönliche Freiheitsstreben des Einen die Entwicklungsmöglichkeiten des Anderen torpediert. Rosa Luxemburg hat das perfekt formuliert: „Freiheit ist immer die Freiheit des anderen!“

Können Sie Beispiele für tolerantes Verhalten in Freyung-Grafenau nennen?

Mich beeindrucken die Aktivitäten von Pfarrer Johannes Spitaler, mit Inklunet den Umgang mit Behinderten zu entkrampfen. Aber auch das Euregio-Büro in Freyung arbeitet seit Jahrzehnten am Abbau von Vorurteilen zwischen Tschechen, Österreichern und Deutschen.Ich bin auch überzeugt, dass die Menschen in Freyung-Grafenau einem Asylbewerberheim grundsätzlich positiv gegenüber stehen.

Interview: Dike Attenbrunner 

 

Interview-Serie “Toleranz”(2): Regionalmanager Sebastian Gruber

Freyung-Grafenau. Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich alles um “Toleranz”. Aber was ist damit gemeint? Bedeutet tolerantes Verhalten für jeden dasselbe? Und wie tolerant ist unsere Gesellschaft eigentlich? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: Regionalmanager Sebastian Gruber.

“Toleranz ist die Einstellung, andere Dinge zu akzeptieren”

Herr Gruber, was bedeutet „Toleranz“ für Sie?

Toleranz ist die Einstellung, der Wert, andere Dinge zu akzeptieren - und darüber hinaus, sie zu verstehen und zu respektieren. Gerade in Zeiten der fortschreitenden Globalisierung ist Toleranz ein entscheidender Wert, sich im eigenen Lebensumfeld sowie in der Welt zurechtzufinden und sich wohl zu fühlen.

Was denken Sie: Wie tolerant ist unsere Gesellschaft heute? Hat sich in den letzten Jahren etwas geändert?

Gruber Sebastian sw 17.6.11

Regionalmanager Sebastian Gruber. Foto: Gruber

Wenn ich an die Bereiche Familienstrukturen, Lebensformen, Religionsdialog, Inklusion, Migration, interkulturelles Lernen sowie Gleichberechtigung denke, dann hat sich vieles in die positive Richtung verändert.

Unsere Gesellschaft ist in weiten Teilen sehr offen und tolerant.  Das liegt in erster Linie an einem hohen Maß an Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung in den verschiedensten Bereichen, wie zum Beispiel in den Bildungseinrichtungen, in der Familie, den Vereinen usw.

Toleranz, im Sinne von Werteerziehung, muss im Kindes- und Jugendalter angebahnt und vertieft werden. Vorbilder, Fürsprecher und vor allen Dingen persönliche Begegnungen tragen Sorge dafür, dass sich die Wurzeln einer werteorientierten und somit toleranten Gesellschaft noch weiter verfestigen.

Grenzen der Toleranz: genaue Grenzziehung fällt schwer

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen der Toleranz? Wo beginnt sie, wo hört sie auf?

Die Grenzen der Toleranz gehen im Allgemeinen einher mit dem eigenen Werte-Ethos. Eine genaue Grenzziehung fällt sehr schwer. Ich versuche, es an einem Beispiel zu erklären: Es gibt Entwicklungen und Ereignisse, die ich persönlich nicht für gut heißen kann und will, andere wiederum schon. Beispielsweise die Einführung islamischer Feiertage in der Bundesrepublik Deutschland. Fremde Religionen und Kulturen gehören für mich persönlich zweifelsohne zur Bundesrepublik, sind aber für mein Empfinden nicht übertragbar. So etwas bezeichne ich aber keineswegs als intolerant. Die Trias zwischen eigener Identität, eigenem Selbstverständnis und gegenseitigem Respekt spielt dabei wohl die entscheidende Rolle.

Können Sie Beispiele für tolerantes Verhalten in Freyung-Grafenau nennen?

Grundsätzlich äußert sich tolerantes Verhalten in vielen kleinen und unscheinbaren Alltagssituationen. An dieser Stelle könnte man unzählige Situationen und Ereignisse anführen, die den Landkreis Freyung-Grafenau als tolerante Region darstellen.

Ohne allen anderen Beispielen weniger Bedeutung und Wertschätzung zu geben, möchte ich eines anführen: Die Toleranz gegenüber „dem Anderssein“ ist im Landkreis hinsichtlich unserer Mitmenschen mit Behinderungen sehr ausgeprägt. Das liegt zum einen an den vielen Einrichtungen dieser Art und zum anderen an den unzähligen persönlichen und regelmäßigen Kontakten mit Menschen mit Behinderungen.

Herr Gruber, vielen Dank für das Interview!

Interview: Dike Attenbrunner