Für mehr Toleranz in Freyung-Grafenau

Vhs zieht positive Bilanz über das XENOS-Projekt „Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos“

Freyung-Grafenau. „Wir haben einen Fachkräftemangel und dem ist langfristig gesehen nur mit einer erhöhten Zuwanderung insbesondere von qualifizierten Migranten beizukommen“, so vhs-Geschäftsführer Klaus Hippmann. Weil dadurch aber auch die Anforderungen an Toleranz und  Integration in unserer Gesellschaft steigen, hat die Volkshochschule des Landkreises Freyung-Grafenau in diesem Jahr das Projekt „Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos“ gestartet.

Das Projekt soll benachteiligte Jugendliche nachhaltig unterstützen

Hermann Löffler von Aptar bei einem Ausflug mit den Teilnehmern des interkulturellen vhs-Workshops. Fotos: vhs

Das im Rahmen des Bundesprogramms „XENOS – Integration und Vielfalt“ geförderte Projekt soll unter anderem benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene mit und ohne Migrationshintergrund beim Einstieg in den Arbeitsmarkt und bei der Integration in die Gesellschaft dauerhaft und nachhaltig unterstützen.

Dazu hat sich die vhs im vergangenen halben Jahr einiges einfallen lassen: Neben der Auftaktveranstaltung im Landratsamt, fand in Kooperation mit dem Jobcenter Freyung-Grafenau ein interkultureller Workshop in Waldkirchen statt. In dem achtwöchigen Kurs konnten die Teilnehmer mittels Bewerbungstrainings, Sprachkursen und Exkursionen nach Tschechien ihre sozialen und beruflichen Kompetenzen erweitern.

Wichtige Fähigkeiten, denn in einer globalisierten Welt haben alle – ganz egal wo sie arbeiten – mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zu tun – sei es per E-Mail, am Telefon oder in der Zusammenarbeit mit Kollegen. Was viele aber nicht wissen oder nur unbewusst wahrnehmen, ist die Tatsache, dass die kulturelle Prägung auch unser Arbeitsverhalten bestimmt: Ein Deutscher denkt und handelt vielleicht anders als sein tschechischer Nachbar. Dadurch können schnell mal Missverständnisse und Fehler im Arbeitsprozess entstehen.

Projekte: Fotoausstellung, Porträts und ein Fachstellen-Netzwerk

Fotoausstellung “Flüchtlinge in ihrem Traumjob” in der Geschäftsstelle der vhs.

Das Projekt „Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos“ soll die Gesellschaft aber auch über bestehende Missstände aufklären und aufzeigen, wie dagegen etwas unternommen werden kann. In der vhs-Geschäftsstelle fand deshalb im Herbst die Fotoausstellung „Flüchtlinge in ihrem Traumjob“ statt. Marina Dölker vom Passauer Bündnis für die Rechte der Flüchtlinge hatte dazu sechs Flüchtlinge porträtiert und interviewt, um aufzuzeigen, welche Wünsche und Hoffnungen diese in Bezug auf ihr neues Leben in Deutschland haben. Auch ein Interview mit Astrid Nave und Mathias Fiedler auf der projekteigenen Homepage www.grenzenlos-tolerant.de zu ihrem Dokumentarfilm „leben verboten“ zeigt das Leben und die Rechte von Flüchtlingen in Deutschland. Vielen Menschen ist die schwierige Situation von Flüchtlingen in Deutschland nämlich schlicht und ergreifend nicht bekannt, was auf die Notwendigkeit der Aufklärungsarbeit hinweist.

Für Migranten und Flüchtlinge ist es deshalb umso wichtiger, dass ihnen umfassend geholfen wird. Deshalb plant die vhs gemeinsam mit anderen Fachstellen im Landkreis das Netzwerk „Migration und Integration“, denn  Migrations- und Integrationsprozesse finden meist fachstellenübergreifend statt. Was liegt da also näher, als sich zu einem Netzwerk zusammenzuschließen und die Integration gemeinsam voranzutreiben?  In einem ersten Vernetzungstreffen der Fachstellen konnten dazu bereits erste Ideen angestoßen werden.

Auch für das nächste Jahr hat die vhs schon neue Projekte ins Visier gefasst, wie zum Beispiel einen Kurzfilmwettbewerb für Jugendliche, der im Frühling an den Landkreisschulen ausgerufen werden soll.

Mit qualifizierten Migranten gegen den Fachkräftemangel in Bayern

Qualifizierte Zuwanderung kann nur dann erfolgreich sein, wenn in der deutschen Gesellschaft eine umfassende Willkommenskultur entsteht

Deutschland hat bald einen Mangel an Ingenieuren. Foto: Walter Haindl/pixelio.de

In den kommenden vier Jahren werden der bayerischen Wirtschaft durchschnittlich rund 180.000 Fachkräfte pro Jahr fehlen. Das entspricht 4 Prozent des gesamten Fachkräftebedarfs. Über 50 Prozent der Engpässe wird es in den Berufen mit technischer Ausrichtung geben. Insbesondere Stellen für Ingenieure, aber auch Meister und Fachwirte werden offen bleiben. Über das Jahr 2016 hinaus wird das Problem sogar noch zunehmen. Bis 2025 wird die jährliche Fachkräftelücke auf 240.000 steigen und damit 6 Prozent der gesamten Nachfrage betragen. Das ergab die Auswertung der aktualisierten Daten des IHK-Fachkräftemonitors Bayern. „Die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern wird branchenübergreifend eine der größten Herausforderungen für die bayerischen Unternehmen bleiben“, sagt Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages, BIHK. Weder Politik noch Wirtschaft könnten die Augen vor der Entwicklung verschließen. „Die meisten Unternehmen“, so Driessen weiter, „reagieren bereits. So haben sie im vergangenen Jahr 5,5 Prozent mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als 2010.“ Jetzt laute die Devise, bei der Aus- und Weiterbildung nicht nachzulassen, mit familiengerechter Personalpolitik Frauen im Unternehmen zu halten und für altersgerechte Arbeitsplätze zu sorgen. Die Politik dagegen müsse ihre Anstrengungen, die Schulabbrecherquote zu senken, noch verstärken.[1]

Die Bundesagentur für Arbeit empfiehlt: Zuwanderung von Fachkräften

Diese Maßnahmen werden allerdings nicht ausreichen, um dem Fachkräftemangel beizukommen. Die Bundesagentur für Arbeit empfahl daher schon im Januar 2011, als Bestandteil eines Gesamtmix zur Bekämpfung des drohenden Fachkräftemangels in Deutschland, die Zuwanderung von Fachkräften: „Durch eine gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften erscheint die Gewinnung von 0,4 bis 0,8 Millionen zusätzlichen Fachkräften aus dem Ausland realisierbar, sofern die Attraktivität Deutschlands als Einwanderungsland durch die Etablierung einer umfassenden Willkommenskultur erhöht wird.“[2]

Einige Firmen setzen bereits auf Fachkräfte aus europäischen Krisenregionen

Chance für griechische Arbeitnehmer? Deutschland sucht Fachkräfte. Foto: Wilhelmine Wulff/pixelio.de

Einige bayerische Unternehmen setzen deshalb, wie „Die Welt“ berichtet, schon jetzt auf Fachkräfte aus den europäischen Krisenregionen, um den Personalmangel zu lindern: „In deren Heimatländern ist die Arbeitslosigkeit hoch: Fast 25 Prozent in Spanien, rund 22 Prozent in Griechenland. Deutschland dagegen hatte im selben Zeitraum eine Arbeitslosenquote von 5,6 Prozent, in Bayern waren es sogar lediglich 3,5 Prozent.“[3]

Blaue Karte EU soll Zuzug von Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten erleichtern

Am 1. August wurde die Blaue Karte EU eingeführt. Diese soll den Zuzug von qualifizierten Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten erleichtern. Das bedeutet: „Akademiker aus dem außereuropäischen Ausland können leichter eingestellt werden, und vor allem müssen sie nicht mehr ganz so hohe Gehälter vorweisen, um kommen zu dürfen.“[4] Obwohl die Arbeitgeber diese Entscheidung begrüßen, wird es gerade für die Mittelständler nicht leicht werden Fachkräfte für ihr Unternehmen zu gewinnen: „Eines unserer größten Probleme ist die Willkommenskultur“, sagt Michael Stahl von Gesamtmetall. Deutschland werde im Ausland immer noch als bürokratisch und intolerant wahrgenommen.[5]

Deutschland hat (noch) keine richtige Willkommenskultur

Ähnliches berichten auch hochqualifizierte Zuwanderer aus Portugal, die wegen der attraktiven Arbeitsmarktsituation nach Deutschland kommen: Willkommen fühlte sich Tania Taveira de Amaral in Deutschland allerdings nicht: „Der Anfang war hart“, sagt sie. Die Deutschen seien kühl gewesen. In ihrer Heimat hätten die fröhlichen und lauten Portugiesen eine Neue sofort mitgenommen in eine Bar. Aber den Deutschen sei das Fremde erst einmal suspekt.[6] Auch in Deggendorf, das mangels Fachkräftenachwuchs bereits letztes Jahr Personal aus Bulgarien angeworben hat, stellt man fest, dass sich die Integration schwieriger gestaltet als erwartet. Im Spiegel-Artikel „Das bayerische Experiment“ wird deutlich, dass viele Migranten – trotz der Bemühungen des Deggendorfer Landrats Christian Bernreiter – oftmals wie Gastarbeiter behandelt werden.[7]

Integrationsfördernde Maßnahmen sind gefragt

Genau deswegen sind integrationsfördernde Maßnahmen wie das vhs-Projekt „Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos“ im Rahmen des XENOS-Bundesprogramms auch so wichtig: Sie sollen dabei helfen, dass sich Migranten in Deutschland willkommen fühlen – und bleiben.


[1] Quelle: Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, „Fachkräftesituation in Bayern“,  http://www.muenchen.ihk.de/mike/ihk_geschaeftsfelder/standortpolitik/Jahresthema-2011-Fachkraefte/Fachkraeftemonitor-Bayern/Fachkraeftesituation-in-Bayern.html, Stand: 27.08.2012

[2] Quelle: Bundesagentur für Arbeit, „Perspektive 2025: Fachkräfte für Deutschland“, http://www.arbeitsagentur.de/zentraler-Content/Veroeffentlichungen/Sonstiges/Perspektive-2025.pdf, Stand: 27.08.2012

[3] Quelle: Miriam Zerbel, „Bayerns Unternehmen brauchen spanische Fachkräfte“, Welt Online: http://www.welt.de/regionales/muenchen/article108398145/Bayerns-Unternehmen-brauchen-spanische-Fachkraefte.html, 27.08.2012

[4] Quelle: H. Seidel und F. Wisdorff, „Deutschland unattraktiv für qualifizierte Ausländer“, http://www.welt.de/wirtschaft/article108391510/Deutschland-unattraktiv-fuer-qualifizierte-Auslaender.html, Stand: 27. 08.2012

[5] Quelle: H. Seidel und F. Wisdorff, „Deutschland unattraktiv für qualifizierte Ausländer“, http://www.welt.de/wirtschaft/article108391510/Deutschland-unattraktiv-fuer-qualifizierte-Auslaender.html, Stand: 27. 08.2012

[6] Quelle: Sabrina Hoffmann, „Deutschlands Neue“, http://www.focus.de/finanzen/karriere/tid-26679/politik-deutschlands-neue_aid_782017.html, Stand: 27.08.2012