Interkulturelle Sensibilität in der Flüchtlingsarbeit

Freyung-Grafenau. Menschen werden von ihrer Herkunftskultur geprägt. Unterschiedliche Nationalitäten haben es deshalb nicht immer leicht miteinander. Was der eine gut meint, kann beim anderen durchaus als Beleidigung ankommen. Wie aber geht man „richtig“ mit anderen um? Was kann man sagen, und was besser nicht?

Im Rahmen der Qualifizierungsreihe des Integrationspatenprojekts, das die Volkshochschule des Landkreises Freyung-Grafenau derzeit im Rahmen des XENOS-Projekts „Integration und Vielfalt“ fördert, beschäftigten sich die ehrenamtlichen Integrationspaten dieses Mal daher mit der interkulturellen Sensibilität in der Flüchtlingsarbeit.

“Man kann nicht nicht kommunizieren”

verena hosbach

Referentin Verena Hosbach vom Verein “Gemeinsam leben und lernen in Europa”. Fotos: vhs

Dabei zur Seite standen ihnen der Passauer Imam M´hamed Aoulkadi und die Referentin Verena Hosbach vom Verein „Gemeinsam leben und lernen in Europa“. Anhand verschiedener Stationen verdeutlichte Hosbach den Teilnehmern, dass man nach dem Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick „nicht nicht kommunizieren kann“. Egal wie man sich verhalte, so die Referentin, „Körpersprache und Haltung signalisieren immer irgendetwas.“

Deutlich wurde das beispielsweise, als die Integrationspaten, die sich untereinander nicht kannten, einander in Kleingruppen mittels eines Fragebogens einschätzen mussten. Ohne Hintergrundwissen und nur auf Grund des Aussehens sollten sie unter anderem notieren, welche Musik ihr Gegenüber hört und was er am liebsten in seiner Freizeit macht.

„Wie fühlen Sie sich, wenn Sie nur auf Grund Ihres Aussehens eingeschätzt werden“, fragte Hosbach anschließend in die Runde. „Man verspürt den Druck, das richtigzustellen“, lautete eine der Antworten. „Ganz genau“, bestätigte die Referentin, die den Teilnehmern im Laufe des Abends klarmachte, wie sehr unsere Einschätzung von einem gewissen Schubladendenken bestimmt wird. „Das ist auch normal, weil unsere Welt so komplex ist, dass wir nicht anders können als sie zu vereinfachen.“ Es gehe allerdings darum, die jeweiligen Schubladen regelmäßig aufzumachen, sie zu entrümpeln und anschließend mit neuen Erfahrungen zu füllen.

Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe

Imam M'hamed Aoulkadi

Der Passauer Imam M’hamed Aoulkadi.

Dafür sorgte Imam Aoulkadi, der die Integrationspaten über den Umgang mit muslimischen Flüchtlingen informierte. Beim Thema „Begegnung mit Asylbewerbern“ gehe es um Mitmenschlichkeit, Verantwortung tragen für den Anderen und Nächstenliebe, so der Imam. Und um nichts anderes gehe es auch im Islam: „Im Islam führt der Weg zu Gott über unsere Mitmenschen. Im Islam ist der rechte Glaube nichts ohne das rechte Handeln, und das rechte Handeln ist nichts ohne den rechten Glauben.“ Eine sehr wichtige Aussage des Propheten Mohammed in diesem Zusammenhang laute: „Der Beste unter den Menschen ist derjenige, der seinen Mitmenschen am nützlichsten ist.“ Und ein nützlicher Mensch sei, wer bereit sei, Verantwortung zu übernehmen.

Islam bedeute, sich in Frieden Gott hinzugeben, erläuterte Aoulkadi. „Der Islam ist also eine Religion, die den Menschen Frieden bringen will.“ Im Koran, der ersten Quelle des Islams, erinnere Allah den Menschen außerdem daran, „dass die Abstammung aller Menschen dieselbe ist und dass Er uns geschaffen hat, um einander kennenzulernen, dass wir vor Ihm gleich sind. Er schaut nicht auf unsere Hautfarbe, Sprache oder unser Vermögen. Das einzige was zählt, ist unser Handeln und unsere Gottesfurcht.“

In der sogenannten Sunna, der zweiten Quelle des Islams, sei das gute Beispiel des Propheten Mohammed enthalten. „Alle Muslime sind darauf bedacht“, so der Imam, „sein Vorbild als Maßstab für das eigene Handeln zu nehmen.“ Daraus könne man auch praktische Handlungsanweisungen im Umgang mit muslimischen Flüchtlingen ableiten.

Dank für ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsarbeit

„Die meisten Muslime legen Wert darauf, nur nach islamischen Richtlinien geschlachtetes Fleisch zu essen“, erklärte  Aoulkadi. Schweinefleisch sei ohnehin verboten. Wer bei einer Einladung zum Essen also auf Nummer sicher gehen wolle, könne zum Beispiel Fisch oder vegetarische Gerichte anbieten. Im Fastenmonat Ramadan (in diesem Jahr vom 17. Juni bis voraussichtlich 16. Juli 2015) werde nur zwischen Sonnenuntergang und Morgendämmerung gegessen und getrunken. Für die Bewohner sei es deshalb wichtig, dass die Gemeinschaftsküche auch nachts zugänglich ist. Beim Pflichtgebet sei der Betende nicht ansprechbar und würde derjenige dieses auch nur im Notfall unterbrechen. Allerdings dauere das meist nur einige wenige Minuten.

In einer Fragerunde am Ende des Abends wurde noch rege über interkulturelle Stolperfallen diskutiert. Die beiden Referenten zeigten sich begeistert von der Wissbegierde der Integrationspaten. Aoulkadi bedankte sich denn auch für deren ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsarbeit: „Ich möchte Ihnen unseren Dank überbringen. Wir wissen Ihre Arbeit sehr zu schätzen.“

Dike Attenbrunner

tun.starthilfe für Flüchtlinge im Landkreis Eichstätt

Eichstätt. Die Initiative “tun.starthilfe für flüchtlinge im Landkreis Eichstätt” sieht in der Sprache die Grundbedingung gesellschaftlicher Teilhabe und ermöglicht Flüchtlingen im Landkreis deshalb den Zugang zur deutschen Sprache. Wie das Projekt zustande kam und wer alles mitmachen kann, darüber haben wir uns mit Karolina Albrecht unterhalten.

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Weitere Infos gibt es auf der Homepage von “tun.starthilfe für flüchtlinge”: www.tun-starthilfe.de

Wer steckt hinter der Initiative von Live for Life e. V.? Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, diese Initiative zu gründen?

Live for Life e.V. wurde im März 2009 in Eichstätt mit einer simplen Idee gegründet: Die Welt verbessern als Schüler oder Student, sprich mit knappen Mitteln. Der Verein sollte eine Basis, eine Plattform für alle Gleichgesinnten werden, die im Austausch untereinander Benefizaktionen planen und durchführen wollen. Der Erlös daraus sollte einem gemeinsam gewählten Projekt zu Gute kommen. Die Tatsache, dass man seine Hobbys und Interessen, innerhalb eines Netzwerkes voller Gleichgesinnter, dazu verwenden kann anderen Menschen zu helfen, ist das was die Live for Life Idee auszeichnet. Man stellt diese Tätigkeit in einen Kontext, man baut ein Netzwerk auf, steht im Idealfall ständig in Kontakt und führt unentwegt neue Leute in diese Plattform ein.

Ein Teil von Live for Life e.V. ist die Initiative tun.starthilfe für flüchtlinge im landkreis eichstätt. Gegründet wurde die Initiative im Oktober 2012 von Deborah Foth, Christopher Knoll und Anna Peschke. Sie wurden durch den öffentlichen Diskurs, vor allem auch in der Lokalzeitung Donaukurier, auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Obereichstätt und damit auf die Flüchtlingsthematik aufmerksam. Durch den Kontakt zu den Sozialarbeitern der Caritas wurde relativ schnell klar, woran es fehlte: Deutschunterricht.

Der erste Kontakt mit Flüchtlingen kam über die Initiative in Pfünz, wo die ersten dezentral untergebrachten Flüchtlinge wohnten. Diese nahmen das Angebot gerne an. Und so wurde eine erste Deutschstunde im Studihaus der KU Eichstätt abgehalten. Durch Flyer an der Uni wurden auch andere Studenten auf die Initiative aufmerksam und engagierten sich als Deutschlehrer.

Durch infrastrukturelle Probleme kam allmählich die Idee, den Unterricht in die Ortschaften selbst zu verlegen. Das allerdings erforderte Strukturen und finanzielle Unterstützung. So kam auch die Idee mit Live for Life auf. Die Verbindung kam über Andreas Wurtinger zustande, dem Gründer von Live for Life e.V., denn mit tun.starthilfe ist es dem Verein nun möglich, ein örtliches Projekt zu unterstützen.

Daneben wurde tun.starthilfe als Arbeitskreis des Studentischen Konvents an der KU Eichstätt-Ingolstadt verankert und ist seit Oktober 2013 ein studentisches Freimodul im Rahmen von „EduCulture“.

Herzstück der Initiative ist der Deutschunterricht

Wie viele Freiwillige beteiligen sich denn mittlerweile an dieser Bürgerinitiative?

Zum Wintersemester 13/14 stieg die Zahl der Engagierten sprungartig auf 66 Modulteilnehmer und etwa 10 Freiwillige an. Dazu kam die zweiwöchige Frühlingssprachschule, innerhalb derer sich etwa 50 Helfer aus Eichstätt und den umliegenden Ortschaften und ehemalige Modulteilnehmer ehrenamtlich betätigten.

Durch viele Aktionen im letzten halben Jahr, konnte auch die Bekanntheit der Initiative stark erhöht werden, sodass in diesem Semester 98 Modulteilnehmer angemeldet sind. Dazu kommen etwa 50 Freiwillige, sowohl Studenten, wie auch Berufstätige, die bereits im letzten Semester mitgearbeitet haben oder durch die Frühlingsschule auf die Initiative aufmerksam wurden.

Welche Angebote gibt es?  

Das Herzstück der Initiative ist der Deutschunterricht. Einmal wöchentlich fährt ein zweiköpfiges Lehrerteam in „ihre“ Unterkunft und gibt Unterricht. An einem anderen Tag fahren dann zwei Mitglieder der individuellen Betreuer zu ihnen und unterstützen in den kleinen und großen Alltagsproblemen. Alle anderen Bereiche sind dazu da, den Lehrern die Arbeit zu erleichtern, sowie Finanzierung, Aufklärung aller Beteiligten und Hilfe zur Selbsthilfe zu sichern.

Darüber hinaus hat die Initiative den Anspruch, alle Beteiligten aufzuklären. Das heißt konkret: Informationsveranstaltungen für Flüchtlinge, Gemeinden/ Nachbarschaft, Landkreis, Institutionen und andere Initiativen, aber auch die Vernetzung untereinander, wie die Teilnahme an Ehrenamtstreffen usw.

In der vorlesungsfreien Zeit (März und August) findet außerdem eine zweiwöchige Sprachschule statt. Morgens mit Unterricht und Kinderprogramm und nachmittags mit gemeinsamen Aktivitäten, bei denen sich Helfer und Teilnehmer besser kennenlernen.

Und wie wird das Projekt finanziert?

Die Finanzierung des Projekts erfolgt in erster Linie durch Veranstaltungen und Events. Weder tun.starthilfe noch der Live for Life e.V. wollen ein reiner Spendenverein sein, sondern aktiv etwas tun, um die Finanzierung zu sichern. Das Konzept, durch Benefizveranstaltungen Geld für das Projekt zu verdienen, gab es von Beginn an. Beispielsweise durch Kuchenverkauf an der Uni, Parties oder Privatinitiativen.

Aber auch Eichstätter Firmen, Fachschaften oder Privatinitiativen unterstützen das Projekt.

“Engagement muss von innen kommen – dann ist man auch motiviert”

Die Helfer bekommen kein Geld, es werden keine festen Stellen installiert. Warum nicht?

Alle Helfer, egal ob Modulteilnehmer, Freiwillige oder Koordinationsteam arbeiten in erster Linie ehrenamtlich. Als Modulteilnehmer ist es aber möglich, sich einmalig ein Semester innerhalb der Initiative als Wahlfach anrechnen zu lassen. Die Deutschlehrer wie auch die individuellen Begleiter bekommen allerdings die Fahrtkosten in die Unterkünfte erstattet.

Der Grundgedanke ist der, dass Engagement von innen kommen muss. Wer sich selbst mit der Initiative identifizieren kann und freiwillig Verantwortung übernimmt, ist auch motiviert. Deshalb braucht es keine zusätzliche monetäre Motivation. Die große Anzahl der Teilnehmer bestätigt das.

Warum ist das Projekt Eurer Meinung nach so erfolgreich? Ist dieses Modell überall umsetzbar?

Das Projekt zeigt deutlich, dass sich Studenten gerne gesellschaftlich einbringen. Das geht ebenso über studentische Arbeitskreise oder Stiftungen, ist jedoch generell durch den straffen Zeitplan des Bologna-Systems schwierig umzusetzen. Einige sind hinsichtlich einer langfristigen Übernahme von Verantwortung skeptisch: Werde ich neben dem Studium genug Zeit haben? Was, wenn die Prüfungszeit anfängt? Kann jemand im Notfall für mich einspringen und was ist während der Semesterferien? tun.starthilfe ermöglicht als Wahlfach die Einbindung von sozialem Engagement in den Studienplan.

Die Hauptarbeit erfolgt während des Semesters und wird in den Ferien teilweise ausgesetzt. Der Erfolg liegt darin, dass die meisten (im letzten Semester 50 von 60) im kommenden Semester vollkommen ehrenamtlich weitermachen. Und das, weil sie die Möglichkeit erhalten haben, im Rahmen eines Wahlfachs die Arbeit kennenzulernen und festzustellen, dass ehrenamtliche Arbeit Mehrwert für alle Seiten besitzt und auch neben dem Studium möglich ist. Man hilft und kann gleichzeitig selbst vieles dazulernen.

Durch die Integration sowohl in Universität, wie auch Stadt und Landkreis, profitieren alle Seiten. Die Uni wächst in die Gesellschaft hinein und die in vielen Universitätsstädten übliche Einteilung von Bürgern und Studenten verschwimmt.

Derzeit wird daran gearbeitet, das Konzept der Initiative soweit zu dokumentieren, dass auch andere Universitäten auf diese Erfahrungen zurückgreifen können.

Wie kann man sich einbringen und wer kann denn alles mitmachen?

Mitmachen kann jeder. Egal ob Student, Berufstätiger, Schüler oder Rentner. Zur Auswahl stehen vier Bereiche:

1.Deutschunterricht:
Zweier-Teams unterrichten einmal wöchentlich bei den Leuten vor Ort für etwa eineinhalb Stunden. Lehrer können praktisch unbegrenzt teilnehmen, da der Unterricht auch mehrmals in der Woche stattfinden sollte. Neben einer Einführung in die Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache, stehen den Deutschlehrern viele Materialien und Ansprechpartner zur Verfügung.

2. Individuelle Begleiter:
Sie fahren, ebenso wie die Deutschlehrer,einmal wöchentlich zu zweit in „ihre“ Unterkunft. Sie helfen beispielsweise bei der Übersetzung amtlicher Schreiben, Arztterminen oder Behördengängen, suchen nach Freizeitangeboten und sind die Schnittstelle zwischen der Initiative und den ehrenamtlichen Helfern vor Ort.

3.Organisation:
Dazu gehört die Finanzierung der Arbeit, ebenso wie die Organisation von Events und Informationsveranstaltungen. Darüber hinaus ist sie zuständig für die Vernetzung zwischen Initiative, Ehrenamtlichen außerhalb, Universität, Landkreis und Gemeinden. Aber auch die Organisation und Durchführung der Sprachschulen ist in die Organisation eingebunden.

4.Kommunikation:
Das Team ist zuständig für die interne und externe Kommunikation. Es betreut die offizielle Website, den monatlichen Newsletter, die Facebookseiten und Journalistenkontakte. Die Teammitglieder verfolgen außerdem die Berichterstattung über die Initiative.

Interview-Serie “Integration und Vielfalt” (7): Landrat Ludwig Lankl

Freyung-Grafenau. Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich vieles um ”Integration und Vielfalt”. Aber was ist damit gemeint? Mit welchen Problemen müssen sich Migranten in Deutschland auseinandersetzen? Und wie können wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft gerecht werden? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: Landrat Ludwig Lankl.

Besonders den Jugendlichen müssen wir zeigen, dass sie willkommen sind

Herr Lankl, mit welchen Problemen bzw. Vorurteilen müssen sich Menschen mit Migrationshintergrund heute in Deutschland beim Schritt in die Arbeitswelt auseinandersetzen?

Ludwig Lankl

Landrat Ludwig Lankl. Foto: Landratsamt Freyung-Grafenau

Ein Teil der Migranten bringt zu geringe oder keine Fachkenntnisse mit, es gibt aber auch eine nicht zu unterschätzende Zahl von Zuwanderern, die in ihrer Heimat sehr wohl einen Berufs- oder sogar Hochschulabschluss erworben haben, der bei uns aber nicht ohne weiteres anerkannt wird. Hinzu kommen sprachliche Probleme und je nach Herkunftsland auch kulturelle Hemmschwellen auf beiden Seiten. Jugendliche mit Migrationshintergrund haben es oft auch deshalb schwerer als ihre einheimischen Altersgenossen, weil sie bei der Lehrstellensuche nicht auf familiäre und andere Netzwerke wie z.B. Vereinszugehörigkeiten zurückgreifen können.

Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, um Menschen mit Migrationshintergrund den Schritt in die Arbeitswelt zu erleichtern?

Die Akteure am Arbeitsmarkt – von den Arbeitsagenturen über Bildungseinrichtungen bis hin zu den Betrieben – müssen Strategien erarbeiten und umsetzen, die es Migranten ermöglichen, ihre Fähigkeiten adäquat in unserer Arbeitswelt einzusetzen. Der einzelne Zuwanderer muss passgenau betreut werden, angesichts des demographischen Wandels und des Fachkräftemangels ist das für alle Beteiligten eine lohnenswerte Sache. Besonders den Jugendlichen müssen wir dabei zeigen, dass sie willkommen sind und sie in unserer Mitte – sei es Schule oder Verein – aufnehmen, damit sie ihre sprachlichen und interkulturellen Fähigkeiten entwickeln können und sich in ihrer (neuen) Heimat auch wirklich zu Hause fühlen.

Wir sind auf einem sehr guten Weg

Stichwort: Integration von „Menschen mit Behinderung“. Sind wir von einer Integration weit entfernt oder bewegen wir uns schon auf eine Inklusion zu?

Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und ein kontinuierlicher Prozess, der uns alle angeht. Die Gesellschaft und jeder einzelne muss sich hierfür öffnen. Gott sei Dank gibt es bei uns im Landkreis engagierte Menschen und Institutionen, denen Integration und Inklusion ein Anliegen sind. Wir sind hier auf einem sehr guten Weg.

Was muss in Bildungseinrichtungen oder am Arbeitsplatz geändert werden, damit wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft gerecht werden?

Wir alle müssen uns für die Vielfalt der Menschen öffnen und erkennen, dass jeder Mensch die Gesellschaft, aber auch die Schule und den Betrieb, bereichert. Ich würde mir wünschen, dass sich noch verstärkt ein Bewusstsein dafür herausbildet, dass wir keinen Menschen abschreiben oder verlieren dürfen, sondern dass es uns alle bereichert, wenn wir jeden individuell angemessen fördern und jeder am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben nach seinen Möglichkeiten teil hat.

Interview: Dike Attenbrunner

Preisverleihung des Filmwettbewerbs: “Schülerfilme sollen Vorurteile abbauen”

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Vhs-Geschäftsführer Klaus Hippmann applaudierte den Schülern für ihre vielfältigen Beiträge. Fotos: Attenbrunner

Freyung-Grafenau. “Die Stars des Abends sind die Schüler, die mit ihren vielfältigen Filmbeiträgen gezeigt haben, welches Potenzial in unserer Jugend und in der Region steckt”, sagte vhs-Geschäftsführer Klaus Hippmann bei der Preisverleihung des Filmwettbewerbs der Volkshochschule des Landkreises Freyung-Grafenau. Von insgesamt sechs Landkreis-Schulen wurden in Zusammenarbeit mit TRP 1 neun Filme gedreht und bei der vhs eingereicht. Am vergangenen Freitagabend nun wurden die Kurzfilme im Gäste- und Bürgerhaus in Waldkirchen zum ersten Mal gezeigt – und in den drei Kategorien “Beste Idee”, “Beste schauspielerische/darstellerische Leistung” und “Bester Film” ausgezeichnet.

Ziel des Filmwettbewerbs: der Abbau von Vorurteilen

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Josef Höppler (Bgm. von Waldkirchen, von links), Renate Cerny (stellv. Landrätin) und Dr. Olaf Heinrich (Bezirksrat und Bgm. der Stadt Freyung).

Ziel des Filmwettbewerbs, das im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” veranstaltet wurde, war der Abbau von Vorurteilen gegenüber benachteiligte Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund. Und so drehen sich die Beiträge um Themen wie Integration, Vielfalt, Vorurteile, Mobbing, soziale Solidarität – oder auch Freundschaft. Ein wichtiges Thema, wie Waldkirchens Bürgermeister Josef Höppler bei der Begrüßung deutlich machte: “Toleranz heißt, dem anderen die gleichen Rechte einzuräumen, die man selbst hat.” Er wünschte sich, in einer Gesellschaft leben zu dürfen, die tolerant sei ohne dabei die eigenen Werte leugnen zu müssen.

“Wir wollen mit den Filmen möglichst viele Menschen erreichen”

Die stellvertretende Landrätin Renate Cerny betonte, dass die Filme auch wichtige Öffentlichkeitsarbeit seien: “Es ist unsere Aufgabe, junge Erwachsene – egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund – beim Einstieg sowohl in den Arbeitsmarkt als auch in die Gesellschaft dauerhaft zu integrieren.”

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Moderatorin Sabrina Gander zeigte sich begeistert von der Kreativität der Schüler.

Die gemeinsame Arbeit an den Projekten sollte jedoch nicht nur den Schülern vermitteln, was es heißt tolerant zu sein. “Wir wollen mit diesen Filmen künftig möglichst viele Menschen erreichen und so Denkanstöße für ein produktives Miteinander geben”, so Hippmann.

Moderatorin Sabrina Gander, die die Filme bereits vor der Premiere am vergangenen Freitagabend sehen durfte, zeigte sich jedenfalls begeistert von der Kreativität der Schüler: “Von einem eher künstlerischen Ansatz bis hin zu spielerischen Ideen und realitätsnahen Rollenspielen ist wirklich alles dabei, was man sich nur vorstellen kann.”

Die Gewinner: die Gymnasien aus Freyung und Grafenau

Das Gymnasium Freyung überzeugte als Doppelsieger gleich in zwei Kategorien. Die Freyunger Schüler wurden mit ihrem Beitrag über die Integration einer tschechischen Gastschülerin sowohl für die “Beste Idee” als auch für den “Besten Film” ausgezeichnet.

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Die evangelische Pfarrerin und Jury-Sprecherin Sonja Schuster: “Die vielen tollen Beiträge haben der Jury die Entscheidung nicht leicht gemacht!”

Die evangelische Pfarrerin und Jury-Sprecherin Sonja Schuster begründete die Entscheidung der Jury damit, dass der Film der Klasse 9b zum Thema “grenzenlose Freundschaft” deutlich mache, wie überzeugend Vorurteile sein können.

Im Stil der Filmkomödie “Wer früher stirbt, ist länger tot“, wie es Freyungs Bürgermeister und Bezirksrat Dr. Olaf Heinrich treffend formulierte, sorgten die Filmsequenzen für viele Lacher – und stimmten gleichzeitig nachdenklich, indem sie den Zuschauern zeigten, wie irrational manche Ängste oft sind.

Der Preis für die “Beste schauspielerische Leistung” hingegen ging an die Theatergruppe des Gymnasiums Grafenau. In ihrem Beitrag ging es um Vorurteile gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe. Die Schüler wollten mit ihrem Film zeigen, dass Ausgrenzung stattfindet – und wie demütigend verbale Angriffe für die Betroffenen sein können.

Beide Preisträger dürfen sich auf einen Ausflug in die Bavaria Filmstudios und jeweils 150 Euro für die Klassenkasse freuen. Auch die anderen Schulklassen gingen nicht leer aus: Sie erhielten Freikarten für das Cineplex-Kino in Freyung, das heuer im Herbst eröffnet werden wird. Dort ist dann auch eine Ausstrahlung der Schülerfilme geplant.

Beispielhaft für Integration: die multikulturelle Rockband “DART”

Auch für musikalische Unterhaltung während der Preisverleihung war gesorgt:

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Die multikulturelle Rockband “DART” mit vhs-Mitarbeiterin Sandra Frey (links), MdB Gerhard Drexler (3. von links) und ihrem musikalischen Leiter Balboo Bojko (4. von links).

Die multikulturelle Rockband “DART” überzeugte mit afghanischen Melodien, Deutschrock und Gänsehaut-Balladen. Die Schülerband wurde von der Volkshochschule des Landkreises Freyung-Grafenau und dem musikalischen Leiter Christian Balboo Bojko im Rahmen des Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” gegründet. Der Name der Band ist übrigens eine Kombination aus den Anfangsbuchstaben der Herkunftsländer der Mitglieder: Deutschland, Afghanistan, Russland und Tschechien. DART steht aber auch für “Die Anderen – Respekt und Toleranz” – und ist somit als Gruppe für weitere Mitglieder stets offen.

Diese Schulen haben mitgemacht: Gymnasium Freyung, Landgraf Leuchtenberg-Gymnasium Grafenau, Johannes-Gutenberg Gymnasium Waldkirchen, Realschule Freyung, Realschule Grafenau, Propst Seyberer Mittelschule Grafenau

Die Schülerfilme im Überblick:

     

      

     

     

Die Volkshochschule des Landkreises Freyung-Grafenau dankt den Sponsoren der Jurypreise: Firma Bachl, Raiffeisenbank am Goldenen Steig, Sparkasse Freyung-Grafenau, Cineplex Freyung, Modehaus Garhammer, Sieghart Reisen

Ein großer Dank geht auch an die Mitglieder der Jury: Willi Weber (Grafiker), Sandra Frey (vhs-Mitarbeiterin), Landrat Ludwig Lankl, Helmuth Peter (ehrenamtlicher Leiter der vhs), Wirtschaftsreferent Ralph Heinrich, Josef Bauer (Geschäftsführer der Caritas FRG), Erwin Bumberger (Vorstandsvorsitzender Sparkasse FRG), Peter Püschel (Redaktionsleiter der PNP-Lokalredaktion Freyung), Johann Haugeneder (Leiter der Agentur für Arbeit Waldkirchen), Sonja Schuster (evangelische Pfarrerin), Kajetan Steinbeißer (Stadtpfarrer von Grafenau), Dike Attenbrunner (Geschäftsführerin Onlinemagazin “da Hog’n”)

Dike Attenbrunner

Biju Nair: “Die Deutschen haben die Uhr, wir Inder haben die Zeit”

Waldkirchen/Kerala. Der Inder Biju Nair und seine deutsche Frau Yvonne sind seit über vier Jahren ein Paar. Sie lernten sich kennen als Yvonne gerade während ihrer einjährigen Indien-Reise in  Varkala, das ist eine Stadt im südwestindischen Bundesstaat Kerala, war. Dort arbeitete Biju als Yoga-Lehrer und Hotelmanager. Nun lebt er mit seiner Frau und den beiden Kindern in Waldkirchen.

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“Ich hatte in den ersten Wochen sehr viel Heimweh!”

Bei Yvonne und Biju war es Liebe auf den ersten Blick, nach acht Monaten wurde geheiratet, in Indien. Danach flog sie erst einmal alleine nach Deutschland. Er musste noch auf die Einreisegenehmigung warten.

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Erst nach sechs Monaten durfte Biju zu seiner Frau nach Deutschland einreisen. Das Landratsamt Freyung-Grafenau zweifelte die Echtheit der Hochzeitsurkunde an. Fotos: Nair

Im Landratsamt Freyung-Grafenau wurde die Echtheit der Heiratsurkunde angezweifelt. In dieser Zeit machte Biju einen dreimonatigen Deutschkurs am Goethe-Institut – das gehört zu den Visumsauflagen. Bis dahin redete das Paar nur Englisch miteinander. Als Biju dann endlich zu seiner Frau fliegen durfte, kam ihm der Vulkanausbruch auf Island in die Quere.

Erst nach sechs Monaten landete der 27-Jährige in Deutschland. Mit Flip-Flops an den Füßen. „Feste Schuhe hatte ich nie, die habe ich ja bei den hohen Temperaturen in Indien nicht gebraucht“, erinnert sich Biju lachend. Nichts war vertraut am Anfang, alles neu: die Sprache, die Leute, die Landschaft, das Wetter … „Ich hatte in den ersten Wochen sehr viel Heimweh!“, erzählt er rückblickend.

Ein Glücksgriff sei da die Arbeit als Ayurveda-Masseur und Yoga-Lehrer beim Wellness-Studio von Simona Seibold in Waldkirchen gewesen. Und die vielen Freunde und Verwandten seiner Frau, die ihn sehr herzlich aufgenommen hätten. Auch der sechs Monate lange Integrationskurs der Volkshochschule Freyung-Grafenau habe ihm über das Heimweh hinweg geholfen. „Es ist wichtig, dass man die Sprache beherrscht, wenn man in einem anderen Land leben möchte.“ Biju spricht klar und deutlich, ist immer darum bemüht, das richtige Wort zu finden. Wenn er mal nicht weiter weiß, fragt er einfach seine Frau.

“In Waldkirchen haben wir eine bessere Zukunft als in Indien”

Biju Yvonne

Biju mit seiner Frau Yvonne und seiner Mutter.

Dennoch: An die neue Rollenverteilung musste er sich erst einmal gewöhnen. Das Haupteinkommen stammte zunächst aus Yvonnes Tätigkeit als Erzieherin im Kreuzberger Behindertenwohnheim St. Anna. „In Indien versorgt halt der Mann die Familie“, sagt er – und zuckt mit den Schultern. Mittlerweile bestreitet jedoch Biju den Lebensunterhalt seiner Familie, weil Yvonne in Elternzeit gegangen ist: Neben dem fast zweijährigen Sohn Max haben sie seit vier Monaten eine Tochter namens Frieda.

In Indien zu leben, das hätte finanziell ohnehin nicht geklappt. „Dort hätte ich lange nicht so gut verdient. In Waldkirchen haben wir und die Kinder eine bessere Zukunft.“ Es gehe dabei nicht nur um das Geld – auch die Gesundheitsvorsorge sei in Deutschland viel besser als in Indien. „Bei uns muss man jeden Arztbesuch direkt bezahlen, da gibt es keine Krankenkassen.“

Was bleibt, ist die Liebe zu Indien, seinem Heimatland: „Meine gesamte Familie ist dort.“ Deswegen fliegen die Nairs auch regelmäßig nach Kerala, damit die Großeltern ihre Enkelkinder aufwachsen sehen. Biju redet mit seinen Kindern Malayalam - das ist die Sprache, die man in Kerala spricht. „Mir ist wichtig, dass sie meine Kultur, meine Religion und meine Familie kennen und sich mit ihnen unterhalten können“, betont Biju. Aber ob die beiden Kinder nun Christen werden, wie die Mama, oder Hindu, wie der Papa, das sollen sie später einmal selbst entscheiden.

Om-Reisen bringen Körper, Geist und Seele in Harmonie

Auch Yvonne hat seit ihrem ersten Aufenthalt eine starke Bindung zu Indien. „Es ist ein wunderschönes Land! Das Klima, die Natur, die Leute, das Essen!“ Als die 34-Jährige ihren Freunden immer wieder von Indien vorschwärmte, wollten diese unbedingt, dass sie ihnen das Land in einer gemeinsamen Reise zeigt.

Freunde in Indien

Yvonnes Familie und ihre Freunde beim Hochzeitsmahl in Indien. Zu essen gab es traditionelles indisches Thali.

„Sie alle waren total  begeistert von der Tour, weil Biju so viel Insiderwissen hat!“ erzählt Yvonne. Also beschlossen sie, solche Reisen professionell anzubieten.

Om-Reisen nennt sich das Konzept. Der Laut „om“ symbolisiert die Einheit allen Seins und bringt Körper, Geist und Seele in Harmonie – und genau das soll auch die Reise tun. Zwei bis drei Mal im Jahr führen sie die Touren seitdem durch. Dabei kümmern sie sich um alles: vom Flug, über das Visum bis hin zu Ratschlägen, was man am besten in einem Land wie Indien alles dabei haben sollte.

Ein kleines Stück Indien hat Biju auch in Waldkirchen. Viele christliche Pfarrer aus Indien sind in letzter Zeit in den Bayerischen Wald gekommen – mangels heimischer Geistlicher. Mit dem Pfarrer aus Hauzenberg hat Biju sich beispielsweise schnell angefreundet, auch wenn sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Aber das ist nicht weiter verwunderlich, schließlich gibt es in Indien über 100 Sprachen verschiedener Sprachfamilien.

“Die Deutschen haben die Uhr, wir haben die Zeit”

Und dann ist er in manchen Dingen auch sehr schnell Deutscher geworden, wie seine Frau lachend erzählt. „In Deutschland ist Pünktlichkeit ganz wichtig. In Indien sagen wir immer: Die Deutschen haben die Uhr, wir haben Zeit!“

bayern yvonne biju

Die “bayerischen” Nairs in Tracht. Biju hat vor kurzem die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt.

Die Inder seien da einfach etwas gelassener, findet Biju. „Ich merke aber, dass ich diese deutsche Eigenheit schon übernommen habe und es mich nervt, wenn sie mich in Indien zu lange warten lassen“, sagt er mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Vor kurzem hat der Inder den deutschen Pass beantragt, nach einem, wie Yvonne sagt „wahnsinnigen Aktenaufwand.“ Jetzt heißt es: abwarten. Bis zu einem halben Jahr kann sich das Verfahren ziehen. „Aber ich lebe jetzt hier und fühle mich wohl“, begründet Biju seinen Antrag, „da ist die deutsche Staatsangehörigkeit nur die logische Konsequenz.“

Auch wenn er in Deutschland manchmal die Geselligkeit auf der Straße vermisse. „In Kermala triffst du draußen ständig jemanden an, da findet das Leben einfach draußen statt.“ Familie Nair nimmt es gelassen – seitdem Biju da ist, feiern sie mit vielen deutschen Freunden in ihrem Garten Onam. Das ist das größte und bedeutendste Fest in Kerala und wird im Sommer gefeiert. „Damit bringe ich die Heimat in meinen deutschen Garten“, erklärt Biju und lächelt zufrieden.

Dike Attenbrunner

Interview-Serie “Integration und Vielfalt” (6): Hermann Löffler

Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich vieles um ”Integration und Vielfalt”. Aber was ist damit gemeint? Mit welchen Problemen müssen sich Migranten in Deutschland auseinandersetzen? Und wie können wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft gerecht werden? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: der Aufsichtsratsvorsitzende der VR-Bank Passau Hermann Löffler. Der Botschafter Niederbayerns setzt zwischenzeitlich seine langjährigen Erfahrungen im Umgang mit Menschen als Unternehmensberater ein.

“Mich stört der Begriff ‘Migrationshintergrund’ – damit beginnt bereits die Klassifizierung von Menschen”

Herr Löffler, mit welchen Problemen bzw. Vorurteilen müssen sich Menschen mit Migrationshintergrund heute in Deutschland beim Schritt in die Arbeitswelt auseinandersetzen?

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Hermann Löffler bei einer Fahrt mit Teilnehmern des interkulturellen Workshops der vhs. Foto: vhs

Mich stört, dass ständig dieser Begriff „Migrationshintergrund“ verwendet wird. Damit stempelt man einen Menschen von vornherein ab. Da beginnt sozusagen bereits die Klassifizierung von Menschen. Jemand, der in Deutschland lebt, und der das deutsche Gesetz bejaht, ist für mich ein Deutscher. Welchen Pass diese Person besitzt, ist letztlich egal. In meiner Zeit als Unternehmer haben an die 15 verschiedene Nationalitäten bei uns gearbeitet – und das war nie ein großes Problem. Man muss Menschen aus anderen Ländern einfach willkommen heißen und respektieren, egal wo jemand herkommt. Das spüren dann auch alle anderen Mitarbeiter.

Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, um Menschen mit Migrationshintergrund den Schritt in die Arbeitswelt zu erleichtern?

Das beginnt ganz klar bei der Geschäftsleitung. Man muss als Unternehmer auf jeden Fall offen sein. Sobald man anfängt, Vorschriften zu machen, wird’s schwierig. Wenn man als Führungsperson alle Menschen gleich gut und fair behandelt, dann werden das auch die Mitarbeiter untereinander tun – und die Kollegen aus den anderen Nationen freundlich empfangen und in das Team integrieren.

“Meine Lebensphilosophie ist, alle Menschen gleich zu behandeln”

Stichwort: Integration von „Menschen mit Behinderung“. Sind wir von einer Integration weit entfernt oder bewegen wir uns schon auf eine Inklusion zu?

Meine Lebensphilosophie ist, alle Menschen gleich zu behandeln. Wenn Menschen sich gleich benehmen, ohne Vorrechte einzuklagen, dann gibt es auch keine Probleme. Genau das ist es auch, was viele Menschen mit Behinderung sich wünschen: Sie wollen gar keine Sonderstellung. Sie wollen in einem fruchtbaren Miteinander der Arbeit nachgehen. Natürlich muss man dort, wo es notwendig ist, geeignete Mittel einsetzen, damit es dem ein oder anderen auch möglich ist, mit seiner Behinderung zu arbeiten.

Was muss in Bildungseinrichtungen oder am Arbeitsplatz geändert werden, damit wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft gerecht werden?

Für mich stehen der Mensch und sein soziales Umfeld an oberster Stelle. Deswegen müssen Menschen sich gegenseitig respektieren und gemeinsam Spaß haben in dem was sie tun. Dann können sie auch gut mit Stress umgehen. Und nur dann können Unternehmen und Kommunen auch erfolgreich sein. Außerdem sollte man sich immer der Tatsache bewusst sein, dass etwas sich nicht von heute auf morgen verändern lässt. Veränderungen sind immer ein Prozess. Aber dafür ist es, glaube ich, wichtig, dass wir wieder lernen miteinander zu reden und nicht nur zu kommunizieren.

Interview: Dike Attenbrunner

Interview-Serie “Integration und Vielfalt” (5): Staatsminister Martin Zeil

Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich vieles um ”Integration und Vielfalt”. Aber was ist damit gemeint? Mit welchen Problemen müssen sich Migranten in Deutschland auseinandersetzen? Und wie können wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft gerecht werden? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: der bayerische Staatsminister Martin Zeil.

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Der bayerische Staatsminister Martin Zeil. Foto: http://www.martin-zeil.de/

 ”In Teilen unserer Gesellschaft bestehen immer noch Vorbehalte gegenüber ausländischen Fachkräften”

Mit welchen Problemen bzw. Vorurteilen müssen sich Menschen mit Migrationshintergrund heute in Deutschland beim Schritt in die Arbeitswelt auseinandersetzen?

Deutschland ist heute mehr denn je auf internationale Fachkräfte angewiesen. Allein in Bayern werden uns in den nächsten Jahren hunderttausende Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fehlen. Dieses für unsere Wirtschaft sehr gravierende Problem können wir trotz aller Maßnahmen für das Inland nur dann lösen, wenn wir viel stärker als bisher die klügsten Köpfe aus aller Welt für unser Land gewinnen. Die Mehrheit der Deutschen sieht das inzwischen erfreulicherweise ganz genauso.

Fakt ist aber auch, dass in Teilen unserer Gesellschaft immer noch Vorbehalte gegenüber ausländischen Fachkräften bestehen. Zu den häufigsten Vorurteilen zählt, dass Ausländer den Deutschen Arbeitsplätze wegnehmen. Dabei ist gerade bei Hochqualifizierten genau das Gegenteil der Fall: Sie stützen als gut ausgebildete Arbeitnehmer unsere Wirtschaft und schaffen weitere Arbeitsplätze, von denen auch Geringqualifizierte profitieren.

Von Seiten der Arbeitgeber wird gelegentlich auf eine mangelnde Integrationsbereitschaft sowie fehlende Deutschkenntnisse von Arbeitnehmern mit Migrationshintergrund hingewiesen – Themen, bei denen es sicher auf beiden Seiten noch Verbesserungspotenzial gibt.

“Entscheidend ist immer: gute Bildung, und zwar von Anfang an”

Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, um Menschen mit Migrationshintergrund den Schritt in die Arbeitswelt zu erleichtern?

Entscheidend für einen erfolgreichen Start auf dem Arbeitsmarkt ist für jeden Menschen – ganz gleich ob mit oder ohne Migrationshintergrund – gute Bildung, und zwar von Anfang an. Als Politiker setze ich mich daher für mehr und bessere Kindertagesstätten, eine gezieltere frühe Förderung im sprachlichen Bereich und eine möglichst zeitige Heranführung der jungen Menschen an die Fachgebiete Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik ein.

Für sehr wichtig erachte ich auch, unser erfolgreiches duales Ausbildungssystem bei Familien mit Migrationshintergrund noch bekannter zu machen. Denn vielen Eltern sind sich die Chancen einer dualen Ausbildung für ihre Kinder nicht bewusst.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass ausländische Fachkräfte bei der Arbeitssuche oft nicht auf ein privates Netzwerk zurückgreifen können und sich mit einer Jobvermittlung über öffentliche Stellen schwer tun. Daher benötigen sie gezielte Unterstützung, um in Kontakt mit potentiellen Arbeitgebern zu kommen. Um bei diesem wichtigen Thema voranzukommen, habe ich unter anderem die Initiative „Study and stay in Bavaria“ ins Leben gerufen, die speziell internationale Absolventen an unseren Hochschulen und Universitäten dabei unterstützt, nach ihrem Abschluss im Freistaat zu bleiben und ihre Talente sowie Fähigkeiten in bayerische Unternehmen einzubringen.

Die Beschäftigungsquoten schwerbehinderter Menschen steigen in Bayern seit Jahren an

Stichwort: Integration von „Menschen mit Behinderung“. Sind wir von einer Integration weit entfernt oder bewegen wir uns schon auf eine Inklusion zu?

Wir sind auf einem guten Weg, Inklusion Realität werden zu lassen. Die Beschäftigungsquoten schwerbehinderter Menschen steigen beispielsweise in Bayern seit Jahren an. Ganz allgemein ist es eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, Inklusion zu verwirklichen. Die Bayerische Staatsregierung unterstützt diesen Entwicklungsprozess schon seit langem mit vielfältigen Maßnahmen und hat dazu im Rahmen der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention erst kürzlich einen entsprechenden Aktionsplan beschlossen.

Was muss in Bildungseinrichtungen oder am Arbeitsplatz geändert werden, damit wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft gerecht werden?

Meines Erachtens muss es in unserer Gesellschaft ganz grundsätzlich noch stärker darum gehen, Andersartigkeit und Individualität nicht nur zu akzeptieren, sondern sie als Stärke zu begreifen. Für Arbeitgeber bedeutet dies zum Beispiel, ein Bewusstsein für die besonderen Kompetenzen und Qualifikationen der Bewerber mit Migrationshintergrund zu entwickeln. Die Aufgabe von Bildungseinrichtungen ist es, noch mehr interkulturelle Kompetenzen zu vermitteln – und zwar sowohl für ausländische Fachkräfte, als auch für Mitarbeiter von Unternehmen, die auf Personalsuche sind. Natürlich bleibt für Menschen mit Migrationshintergrund das Erlernen der deutschen Sprache sehr oft die wesentliche Voraussetzung, um den Sprung in eine Anstellung zu schaffen. Die Bildungsangebote sollten deshalb noch passgenauer auf die Bedürfnisse der Unternehmen ausgerichtet werden. Ihr Ziel muss sein, ausländische Fachkräfte in möglichst überschaubarer Zeit mit der deutschen Sprache vertraut zu machen.

Interview: Dike Attenbrunner

Interview-Serie “Integration und Vielfalt” (4): MdB Bartholomäus Kalb

Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich vieles um ”Integration und Vielfalt”. Aber was ist damit gemeint? Mit welchen Problemen müssen sich Migranten in Deutschland auseinandersetzen? Und wie können wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft gerecht werden? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: MdB Bartholomäus Kalb.

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MdB Bartholomäus Kalb: “Sprachliche Barrieren stellen in der Arbeitswelt das größte Problem dar.”

Die Integration ist in Deutschland in den letzten Jahren gut vorangekommen

Mit welchen Problemen bzw. Vorurteilen müssen sich Menschen mit Migrationshintergrund heute in Deutschland beim Schritt in die Arbeitswelt auseinandersetzen?

Meines Erachtens stellen sprachliche Barrieren das größte Problem in der Arbeitswelt dar. Das beste fachliche Wissen nützt nichts, wenn es nicht kommuniziert werden kann. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass sich in der Regel keine Vorurteile einstellen, wenn man merkt, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich wirklich integrieren wollen, wenn sie aktiv daran mitwirken, sich an dem Ort einzubringen, wo sie leben und arbeiten möchten. Gerade die neuesten Meldungen, dass z.B. immer mehr Frauen aus Zuwandererfamilien in Deutschland ihr eigenes Unternehmen gründen und Arbeitsplätze schaffen, zeigt deutlich, dass Integration in Deutschland in den letzten Jahren gut vorangekommen ist.

Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, um Menschen mit Migrationshintergrund den Schritt in die Arbeitswelt zu erleichtern?

In den letzten Jahren ist hier bereits einiges geschehen, was den Schritt in die Arbeitswelt für Menschen mit Migrationshintergrund erleichtert. Zum Beispiel vergrößert das Bundesgesetz zur verbesserten Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse die Berufschancen von bereits hier lebenden Einwanderern und macht Deutschland im Wettbewerb um ausländische Fachkräfte attraktiver. Die Bundesländer müssen für ihren Bereich möglichst schnell ähnliche Gesetze verabschieden. Hierbei sollte darauf geachtet werden, dass die Anerkennungspraxis in ganz Deutschland einheitlich ist. Es sollte die Qualifikation und nicht die Herkunft eines Menschen über die Besetzung einer Stelle entscheiden.

Ein weiterer entscheidender Bereich ist die Bildung. Denn Integration ist ohne eine Teilhabe an Bildungsangeboten – angefangen von der Kindertagesbetreuung bis hin zur Universität – nicht möglich. Neben den bereits erwähnten Sprachkenntnissen sollte auch die interkulturelle Kompetenz und die soziale Teilhabe z.B. durch bürgerschaftliches Engagement vor Ort, Austauschprogramme und Patenschaftsprojekte gefördert werden. Diese Förderprojekte müssen verstetigt und vor allem von den Menschen mit Migrationshintergrund auch angenommen werden.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen nach wie vor auseinander

Stichwort: Integration von „Menschen mit Behinderung“. Sind wir von einer Integration weit entfernt oder bewegen wir uns schon auf eine Inklusion zu?

Bezüglich der Integration von „Menschen mit Behinderung“ ist in den letzten Jahren schon einiges auf den Weg gebracht worden. Dennoch ist es unbestritten, dass Anspruch und Wirklichkeit nach wie vor auseinanderklaffen. Leider bestehen immer noch Berührungsängste und Vorbehalte in Schule und Arbeitswelt, die es in den nächsten Jahren abzubauen gilt.

Was muss in Bildungseinrichtungen oder am Arbeitsplatz geändert werden, damit wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft gerecht werden?

Da Bildungseinrichtungen und Arbeitsplätze sehr vielfältige und unterschiedliche Bereiche sind, lässt sich diese Frage nicht einfach pauschal beantworten. Generell gilt wohl für alle Bereiche, dass es darum geht, die Vielfalt in unserer Gesellschaft zu akzeptieren und die individuelle Beschäftigungsfähigkeit sowie die Verbesserung sozialer und interkultureller Kompetenzen zu stärken und an die Anforderungen der betrieblichen Praxis auszurichten. Zudem sollten die Übergangsprozesse vom schulischen und außerschulischen Bereich in das Ausbildungs- bzw. Beschäftigungssystem der jeweiligen Zielgruppen unterstützt werden.

Interview: Dike Attenbrunner

Interview-Serie “Integration und Vielfalt” (3): Werner Pauli

Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich vieles um ”Integration und Vielfalt”. Aber was ist damit gemeint? Mit welchen Problemen müssen sich Migranten in Deutschland auseinandersetzen? Und wie können wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft gerecht werden? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: Werner Pauli, Firmeninhaber und Geschäftsführer von Pauli Innovative Energie.

Werner Pauli

Werner Pauli findet es schade, dass nicht mehr Betriebe Menschen mit Behinderung eine Chance geben. Foto: privat

Deutsche Sprachkenntnisse sind absolut notwendig

Mit welchen Problemen bzw. Vorurteilen müssen sich Menschen mit Migrationshintergrund heute in Deutschland beim Schritt in die Arbeitswelt auseinandersetzen?

Probleme sind die Sprache, um die notwendige Kommunikation unter den Mitarbeitern gewährleisten zu können und die teilweise mangelnde Fachkenntnisse in den einzelnen Arbeitsbereichen. Bei den Vorurteilen habe ich festgestellt, dass es bei unseren Arbeitern wichtig ist, aus welchem Land sie kommen und ob der Migrant gewillt ist, sich unseren Anforderungen zu stellen.

Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, um Menschen mit Migrationshintergrund den Schritt in die Arbeitswelt zu erleichtern?

Deutsche Sprachkenntnisse und die Einarbeitung in den jeweiligen Arbeitsbereich durch Institute wie die Handwerkskammer. Wenn möglich mit Zertifikaten, damit man den Schwerpunkt besser festlegen kann.

Schade, dass nicht mehr Firmen Menschen mit Behinderung eine Chance geben

Stichwort: Integration von „Menschen mit Behinderung”. Sind wir von einer Integration weit entfernt oder bewegen wir uns schon auf eine Inklusion zu?

2006 wurde ich von der Bayerischen Staatsregierung mit dem Preis “JobErfolg- Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz” ausgezeichnet. Leider zahlen viele Firmen aber auch heute noch lieber Abgaben als Menschen mit Behinderung eine Chance zu geben. Und das obwohl es wirklich in jeder Firma Möglichkeiten für eine Inklusion gibt.

Was muss in Bildungseinrichtungen oder am Arbeitsplatz geändert werden, damit wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft gerecht werden?

Wichtig ist, dass die Bildungseinrichtungen sich Menschen mit Behinderung annehmen und die Menschen nicht gleich den örtlichen Einrichtungen, wie zum Beispiel Behindertenwohnheimen, zugeteilt werden. Damit besteht meiner Meinung nach eine größere Chance, eine Integration zu erreichen.

Interview: Dike Attenbrunner

Interview-Serie “Integration und Vielfalt” (2): Realschuldirektor Josef Wimmer

Im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” dreht sich vieles um ”Integration und Vielfalt”. Aber was ist damit gemeint? Mit welchen Problemen müssen sich Migranten in Deutschland auseinandersetzen? Und wie können wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft gerecht werden? Interessante Fragen, auf die die vhs mit einer “Interview-Serie” zum Thema antwortet. Dieses Mal im vhs-Interview: Freyungs Realschuldirektor Josef Wimmer.

Realschuldirektor Josef Wimmer

Freyungs Realschuldirektor Josef Wimmer engagiert sich unter anderem beim Netzwerk “Inklunet: Miteinander Barrieren abbauen.” Foto: vhs

Viele Mitbürger mit Migrationshintegrund sehen sich mit Vorurteilen konfrontiert

Herr Wimmer, mit welchen Problemen bzw. Vorurteilen müssen sich Menschen mit Migrationshintergrund heute in Deutschland beim Schritt in die Arbeitswelt auseinandersetzen?

Als Problem sehe ich die vielen Vorurteile, mit denen sich unsere Mitbürger mit Migrationshintergrund auseinander zu setzen haben. Dies kann der Vorwurf von fehlenden Fachkenntnissen oder eine schlechtere Ausbildung in den verschiedensten Bereichen sein. Weitere Vorurteile sind fehlende Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Als Problem sehe ich auch, dass sich viele Einheimische mit der Mentalität und den Lebensgewohnheiten unserer neuen Mitbürger nicht auseinandersetzen wollen, obwohl dies oft eine große Bereicherung sein kann. Es fehlt oft die Toleranz der Arbeitskollegen, wenn ausländische Kollegen Sprachprobleme haben. Mir fehlt oft auch das gegenseitige Eingehen, sodass die Gruppen nicht miteinander, sondern leider oft nebeneinander arbeiten oder sich isolieren.

Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, um Menschen mit Migrationshintergrund den Schritt in die Arbeitswelt zu erleichtern?

Wichtig sind meiner Meinung nach Sprachkurse, als Mittel um überhaupt miteinander kommunizieren zu können. Es müssen die verschiedenen Lebens- und Arbeitsgewohnheiten den zusammenarbeitenden Menschen erklärt werden, damit es zum gegenseitigen Verstehen kommen kann. Es geht um ein Verständnis der Kulturen, sowohl der Menschen mit Migrationshintergrund, als auch umgekehrt. Es geht auch um den Mut des ersten Schrittes, um aufeinander zugehen zu können.
Es könnten zum Beispiel Geschichten aus den verschiedenen Kulturen gegenseitig übersetzt werden.

Integration und Inklusion muss in den Köpfen beginnen!

Stichwort: Integration von „Menschen mit Behinderung“. Sind wir von einer Integration weit entfernt oder bewegen wir uns schon auf eine Inklusion zu?

Integration und Inklusion muss in den Köpfen beginnen. Jeder muss sich die Frage stellen: Inwieweit gehören für mich „alle“ Menschen, sowohl mit Behinderung als auch anders denkende, anders glaubende zum Leben, zu meinem – zu unserem Alltag dazu? Hier sehe ich uns von einer gemeinsamen Gesellschaft noch weit entfernt, aber auf einem guten Weg diesem Ziel näher zu kommen. Über das Netzwerk Inklunet wird hier einiges in den nächsten Jahren erreicht werden. Aber zunächst sehe ich die Auftaktveranstaltung am 26. April 2013 als wichtigen Impuls in diese Richtung. Den anderen verstehen und schätzen lernen, dazu müssen wir uns gegenseitig die Möglichkeiten geben.

Was muss in Bildungseinrichtungen oder am Arbeitsplatz geändert werden, damit wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft gerecht werden?

Das ist eine sehr komplexe Frage. In Bildungseinrichtungen und in Betrieben sind viele bauliche Veränderungen gemacht worden, um Menschen mit Behinderungen aufnehmen zu können. Die Frage ist für mich, ob diese Äußerlichkeiten ausreichen. Behinderte Mitmenschen haben die Schulen schon aufgenommen, integriert und zu einem guten Abschluss begleitet, als noch niemand von Inklusion redete. Für bestimmte Behinderungen ist bei Bildungseinrichtungen bzw. den Betrieben eine Offenheit und die Bereitschaft zu helfen wichtig.

Bei bestimmten Behinderungen sind aber Fachleute und darauf spezialisierte Schulen der richtige Ort, damit hier eine optimale Förderung erfolgen kann. Ich wage zu bezweifeln, ob man im Studium mit ein paar Zusatzstunden oder später als Lehrer in einigen Fortbildungen dieser sehr verantwortungsvollen Aufgabe gerecht werden kann.

Um auf Ihre Frage im Speziellen zurückzukommen, damit wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft - Menschen mit Behinderung oder Menschen mit Migrationshintergrund - gerecht werden, sind nicht immer architektonische Veränderungen notwendig, sondern vielmehr die Bereitschaft und der Wille, den Mitmenschen in seiner Eigenheit zu sehen und zu akzeptieren.

Herr Wimmer, vielen Dank für das Interview!

Interview: Dike Attenbrunner