“Boxen war meine Rettung!”

Schönberg. „Die Kommunisten führten ihn mit verbundenen Augen vor eine Mauer. Dann stellten sie sich vor ihm auf, legten die Gewehre an und feuerten drauflos. Mein Vater brach am Boden zusammen. Tot war er nicht. Die Kommunisten zielten absichtlich daneben, sie wollten ihn zermürben und zum Reden bringen. Mein Vater wurde jedes Mal wieder in seine Zelle zurückgebracht. 40 Mal ging das so.“

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In Momcilo Mellens Augen schimmern die Tränen als er die Geschichte seines Vaters erzählt. Der 64-jährige stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Mellens Vater war im zweiten Weltkrieg von den Kommunisten verhaftet worden, weil er für den königstreuen Widerstand eine Funkstation betrieb.

Boxen war die Rettung

Als sein Vater endlich wieder heim durfte, war er ein gebrochener Mann. Er trank und schlug die Familie. Irgendwann hielt seine Mutter es nicht mehr aus, sie trennte sich von ihrem Mann und ging mit einem anderen nach Frankreich. Momcilo blieb als Einziger zurück. Der damals 13-Jährige musste wieder zum gewalttätigen Vater ziehen. Seine Schwester verließ das Land ebenfalls, sein Bruder blieb zwar, hatte aber eine eigene Wohnung.

Mit der neuen Frau des Vaters war kein Auskommen, schlagen lassen wollte er sich auch nicht mehr, also trieb er sich mit anderen Altersgenossen auf der Straße herum und versuchte, irgendwie zu überleben. Bis dahin war er immer ein sehr guter Schüler gewesen.  Doch den Vater kümmerte die Bildung seines Sprösslings wenig. Als sich der wendige Halbwüchsige mal wieder prügelte, entdeckte ihn ein Boxtrainer.

Es dauerte kein halbes Jahr, da war Momcilo schon Stammboxer der Jugendmannschaft des Erstligisten Radnicki aus Kragujevac.  „Mein Trainer hat immer gesagt, ich würde zuschlagen wie ein Halbschwergewichtler!“ Mit 18 heiratete er bereits seine erste Frau, kurz darauf wurde seine Tochter geboren. Doch das Familienglück währte nicht lange: Der Vereinsvorsitzende von Radnicki versprach jedem seiner Boxer 2.000.000 Dinaren, falls sie die Meisterschaft gewinnen würden. Viel Geld. Auch für Mellen und seine junge Frau, die sonst nicht viel besaßen. Sie setzten alles auf eine Karte, schlossen einen kleinen Kredit ab und schafften Möbel und einen Fernseher an. Der Plan ging auf: Kragujevac wurde Landesmeister. Doch die Boxer bekamen nur einen Betrag von 500.000 Dinaren ausgezahlt.

Die Gefängnisinsel “Goli Otok”

Mellen bekam Probleme mit der Stasi. Zwischen ihm und dem Vereinsvorsitzenden, der gleichzeitig Chef der Stasi war, entbrannte eine heftige Diskussion. „Das ist eine typisch kommunistische Vorgehensweise! Erst etwas versprechen und dann nicht halten!“ Das habe ich dem damals an den Kopf geschmissen. Die Antwort kam rasch: „Du wirst für das, was du gesagt hast, bitter bereuen. Ich kenne dich und deinen Vater kenne ich ganz besonders gut. Mit dem bin ich auch schon fertig geworden!“ Wenig später, nur ein paar Tage nach der Geburt seiner Tochter, kamen zwei Männer in dicken schwarzen Mänteln und führten ihn in Handschellen ab.

Ohne Gerichtsurteil wurde Mellen auf die Gefängnisinsel „Goli Otok“ gebracht, wo sich eine der schlimmsten Zuchthäuser Jugoslawiens befand. Goli Otok bedeutet „nackte Insel“, so genannt, weil sich dort nur Steine befanden. Die Männer mussten ununterbrochen schuften und Steine klopfen, wer nicht mehr konnte oder nicht parierte, wurde von den Gefängniswärtern teils schwer misshandelt. „Die Gefangenen sollten seelisch und körperlich gebrochen werden“, erzählt Mellen und verzieht das Gesicht bei all den Erinnerungen.

Im Gegensatz zu vielen anderen hatte er Glück: Er konnte sich mit den Fäusten verteidigen, wenn ihm einer der anderen Insassen zu Nahe kam – und seine junge Frau sorgte mit einer Bitte an den Innenminister dafür, dass er die Insel wieder verlassen durfte.

Die Flucht nach Deutschland

Als Boxer war er ob seines Talents nach wie vor in seiner Heimatstadt gefragt. In einem Land, in dem man willkürlich ohne juristisches Verfahren ins Gefängnis gesteckt werden durfte, wollte er dennoch nicht mehr leben. Während der Europameisterschaft 1970 in Ungarn suchte er den Kontakt zur deutschen Mannschaft und lernte Werner Schäfer kennen, Boxer im Federgewicht aus Mülheim an der Ruhr. Er machte ihm verständlich, dass er nach Deutschland wolle.

Zwei Jahre später gelang ihm die Flucht, als die italienische Nationalmannschaft das jugoslawische Team zu einem Freundschaftskampf eingeladen hatte. Über die Schweiz gelangte er nach Deutschland. Er trat dem Bundesligisten Ring Frei Mülheim, dem auch Schäfer angehörte, bei. Man ließ seine Frau und seine Tochter nachkommen, besorgte ein Visum und sorgte für einen Arbeitsplatz.

Er lernte Deutsch, machte unter anderem eine Ausbildung als Kranführer, Schlosser und Schweißer. Mit dem Boxen lief es ebenso gut. Mit dem, was er verdiente, unterstützte er auch seine Familienangehörigen. Mitte der Siebziger lernte er dann seine zweite Frau kennen – und der geborene Vasiljevic nahm deren deutschen Namen Mellen an. 1980 wurde er eingebürgert.

Der Krieg in Jugoslawien

Die Boxkarriere von Mellen endete mit 28 Jahren. „Nach 14 Jahren Boxen und 220 ausgetragenen Kämpfen, war ich froh und stolz zugleich, dass ich noch nie durch einen Knockout einen Kampf verloren hatte.“ Stattdessen stürzte er sich in die Arbeit, meist auch am Wochenende. Er stieg zum Betriebsleiter auf, renovierte das Haus in dem seine Frau und er wohnten – und merkte schnell: „Irgendetwas stimmt nicht mit mir.“ Die Diagnose: Schilddrüsen-Krebs.  Am Ende sollten es 26 Bestrahlungen und sechs Radiojodtherapien werden. Er überstand sie alle und zog mit seiner Frau in ein neues Haus nach Moers.

1990 begann der Krieg in Jugoslawien, eine schreckliche Zeit für Mellen, dessen Familie nach wie vor dort wohnte. „Also haben meine Frau und ich überlegt, was wir neben einer finanziellen Unterstützung noch tun können.“ Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kauften die beiden ein Haus in Ungarn, nahe der Grenze, damit die Familie sie ungehindert besuchen konnte. Und er arbeitete weiter. Mehrere Schlaganfälle folgten aufeinander. 1996 verließ er die Firma, in der er zuletzt gearbeitet hatte, mit einem Aufhebungsvertrag und zog mit seiner Frau nach Schönberg. Dort trat er der CSU bei und wurde sogleich Ausländerbeauftragter. In dieser Funktion begleitete er viele Menschen auf ihrem Weg in die Integration. Er wollte das, was Deutschland ihm gegeben und ermöglicht hatte, an andere weitergeben.

Als Heilpraktiker schlug er, geprägt von seinen eigenen Krankheitsgeschichten, selbst wiederum beruflich einen neuen Weg ein. „Mit 64 fühle ich mich noch zu jung für ein Rentnerdasein!“ Auch politisch engagiert Mellen sich weiterhin, als Integrationsbeauftragter für die CSU im Landkreis, „weil ich auch in ganz Deutschland herzlich aufgenommen worden bin!“

Dike Attenbrunner

Im Kurzporträt: DART-Musiker Qais Esaqzi

Grafenau. Wie kann man zeigen, dass unterschiedliche Kulturen einander bereichern können? Zum Beispiel, indem man eine multikulturelle Rockband gründet. So wie die Schülerband “DART”, die mit afghanischen Melodien, Deutschrock und Gänsehaut-Balladen überzeugt. Vor über einem Jahr wurde diese von der Volkshochschule des Landkreises Freyung-Grafenau und dem musikalischen Leiter Christian Balboo Bojko im Rahmen des Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” gegründet. Woher die Jungmusiker kommen – und wie die Musik sie verbindet, das zeigt die vhs in den kommenden Wochen in Kurzporträts. Dieses Mal im Interview: Qais Esaqzi, der große Bruder von Wais Rezai, der aus seiner Heimat Afghanistan unter anderem die Pauke „Tabla“ mitgebracht hat.

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Leidenschaftlicher Trommler: Qais Esaqzi aus Afghanistan. Fotos: vhs

Der 17-jährige Schüler besucht derzeit die Propst-Seyberer-Mittelschule in Grafenau. Gemeinsam mit seinen Eltern und den beiden Brüdern kam Qais vor drei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland.

Qais Esaqzi im Interview:

Qais, warum bist Du mit Deiner Familie nach Deutschland gekommen?

Wegen der gefährlichen Situation in Afghanistan.

Was gefällt Dir denn an Deutschland?

Alles!

Was ist typisch Deutsch für Dich?

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Der 17-Jährige hat seine Pauke “Tabla” aus Afghanistan mitgenommen.

Die typischen Deutschen sind in meinen Augen sehr nette Leute.

Was könnten die Deutschen von Deiner Kultur lernen?

Sie könnten meine Pauke “Tabla” kennenlernen.

Was gefällt Dir an DART?

Einfach alles!

Was bedeutet Musik für Dich?

Musik bedeutet für mich alles im Leben.

Sind die Deutschen Deiner Meinung nach tolerant und aufgeschlossen?

Ja.

Im Kurzporträt: DART-Musiker Wais Rezai

Grafenau. Wie kann man zeigen, dass unterschiedliche Kulturen einander bereichern können? Zum Beispiel, indem man eine multikulturelle Rockband gründet. So wie die Schülerband “DART”, die mit afghanischen Melodien, Deutschrock und Gänsehaut-Balladen überzeugt. Vor über einem Jahr wurde diese von der Volkshochschule des Landkreises Freyung-Grafenau und dem musikalischen Leiter Christian Balboo Bojko im Rahmen des Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” gegründet. Woher die Jungmusiker kommen – und wie die Musik sie verbindet, das zeigt die vhs in den kommenden Wochen in Kurzporträts. Dieses Mal im Interview: Wais Rezai, der aus seiner Heimat Afghanistan unter anderem die 15-saitige Langhalslaute „Robab“ mitgebracht hat.

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Wais Rezai und seine 15-saitige Langhalslaute „Robab“. Fotos: vhs

Der 15-jährige Schüler besucht derzeit die Propst-Seyberer-Mittelschule in Grafenau. Gemeinsam mit seinen Eltern und den beiden Brüdern kam Wais vor drei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland.

Wais Rezai im Interview:

Wais, warum bist Du mit Deiner Familie nach Deutschland gekommen?

Wegen der schwierigen Lage in Afghanistan.

Was gefällt Dir denn an Deutschland?

Alles!

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Der 15-Jährige freut sich über die Band DART: “Hier ist einfach alles toll!”

Was ist typisch Deutsch für Dich?

Dass die Leute hier alle so nett und freundlich sind. Sie sind meistens tolerant und aufgeschlossen. Ich hoffe, meine Familie und ich dürfen hier bleiben.

Was könnten die Deutschen von Deiner Kultur lernen?

Sie könnten zum Beispiel mein Instrument, die 15-saitige Langhalslaute „Robab“, kennenlernen. Das ist das Instrument, das ich auch bei DART spiele.

Was gefällt Dir denn am meisten an DART?

Einfach alles!

Was bedeutet Musik für Dich?

Musik bedeutet für mich alles im Leben.

Martina Stadlmeyer: „Deutschland ist ein tolles Land für Ausländer!”

Freyung. Wie ist es, wenn man die Heimat verlässt und in ein neues Land auswandert? Ist es schwer, sich auf eine andere Kultur einzulassen? Und wie bekommt man das mit der Integration eigentlich hin? Interessante Fragen, auf die die Volkshochschule des Landkreises Freyung-Grafenau im Rahmen des XENOS-Projekts “Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos” mit einer Porträt-Serie antwortet. Den Anfang macht die Freyungerin Martina Stadlmeyer, die aus Kroatien kommt. Sie findet: „Deutschland ist ein tolles Land für Ausländer!“ Ein vhs-Porträt über Integration, kulturelle Unterschiede – und darüber was Kroaten und Deutsche voneinander lernen können.

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Kroatien hat eine der schönsten Küsten Europas, findet Martina Stadlmeyer. Sie und ihr Mann entschieden sich trotzdem dafür, Deutschland zu ihrer gemeinsamen Heimat zu machen. Fotos: Stadlmeyer

“Wenn man jung ist, sucht man spannende Herausforderungen”

Stadlmeyer ist gebürtige Kroatin und kam 1999 nach Deutschland – wegen der Liebe. 2000 heiratete sie hier auch ihren Mann, einen deutschen Arzt. Dabei war am Anfang alles andere als klar, dass die beiden nach Deutschland ziehen würden.

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Martina Stadlmeyer: “Als Studentin wollte ich immer nach Frankreich, das war früher mein Traumland.”

„Eigentlich habe ich mich früher nie so richtig für Deutschland interessiert“, erzählt die heute 39-Jährige. Ich habe Französisch studiert – und wollte deswegen immer nach Frankreich. Das war so mein Traumland als junge Studentin. Aber als ich dann meinen Mann kennenlernte – und wir vor der Entscheidung standen, wo wir unser gemeinsames Leben verbringen wollen, war Deutschland die einfachste Lösung.“ Ihr Mann musste noch seine Ausbildung zum Facharzt vollenden und Stadlmeyer, die damals an der Universität in Zagreb studierte, konnte ihre Diplomarbeit auch in Deutschland schreiben. „Und wenn man jung ist, sucht man neue und spannende Herausforderungen“, schildert sie ihre damalige Vorfreude auf die neue Heimat.

Auch wenn Stadlmeyer zuvor in der Schule Deutsch gelernt hatte – und sie, wie sie sagt, ein „Sprachentyp“ ist, musste sie in dem neuen Land doch ganz von vorne anfangen:  „Das ist so, als wäre man wieder ein Kind. Du musst erst mal die Sprache richtig lernen, damit du dich ausdrücken kannst. Alles das, was in Kroatien für mich selbstverständlich war, musste ich hier neu lernen – und das ist irgendwie so als ob man ein Parallel-Leben führen würde. Keiner kann abschätzen, was du für einen Intellekt hast und mit welchen Motiven du nach Deutschland gekommen bist“, beschreibt sie die anfänglichen Hürden. Und eine fremde Umgebung könne einen auch nie ganz problemlos aufnehmen, ein gewisser Widerstand gegenüber einem „Fremdling“ sei am Anfang ganz normal. Schließlich sei jeder Mensch von seiner eigenen Kultur geprägt.

“Kroaten reden gerne und viel – und lieben Geselligkeit”

„Zum Beispiel ist das Temperament der Kroaten ganz anders als das der Deutschen“, findet Stadlmeyer. „Kroaten reden gerne und viel – und lieben Geselligkeit. Das ist nicht schlecht“, betont sie, „nur gewöhnungsbedürftig.“ Aber in Deutschland habe man eine viel stärkere Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, hier sei man sehr auf Schnelligkeit fixiert. Das bedeute nicht, dass die Kroaten nicht fleißig wären, aber ihnen fehle, so sehe sie das, oft die Organisation und die Struktur der Deutschen.

Küste in der Nähe von Trogir, Dalmatien

Kroatien ist ein beliebtes Urlaubsziel der Deutschen. Kein Wunder bei den schönen Küsten.

Kulturelle Unterschiede, die es auch bei Vertragsverhandlungen zwischen Deutschen und Kroaten zu beachten gelte, betont Stadlmeyer, die unter anderem für die ICUnet.AG, einem Passauer Unternehmen für interkulturelle Trainings, arbeitet. Dort vermittelt sie deutschen Geschäftsleuten worauf es ankommt, wenn diese erfolgreich mit Kroaten zusammenarbeiten wollen: „Kroaten wollen nicht gleich zur Sache kommen, sie sind neugierig, wollen erst einmal wissen, mit wem sie es zu tun haben“, schildert sie den unterschiedlichen Umgang mit Geschäftssituationen. „Deutsche Unternehmer wollen aber möglichst schnell auf den Punkt kommen – und nicht erst ausufernd über ihr Privatleben sprechen.“ In Rollenspielen vermittelt sie den deutschen Geschäftspartnern deshalb, dass es für einen Kroaten vor allem auf die Atmosphäre ankommt. Erst wenn sich der Kroate wohl fühlt, steht auch einer erfolgreichen Zusammenarbeit nichts mehr im Wege.

Das Wichtigste: die kulturellen Unterschiede akzeptieren können!

Sie selbst habe sich in Deutschland nie unwohl gefühlt, betont Stadlmeyer. „Nur am Anfang, als ich die Sprache noch nicht so gut verstand, war es schwierig für mich. Erst recht als wir vor elf Jahren nach Freyung zogen! Bayern und der bayerische Dialekt: das war wie eine eigene Welt in Deutschland!“ Das Wichtigste sei dabei, dass man die kulturellen Unterschiede akzeptieren könne. „Als wir uns noch nicht solange kannten, hat mein Mann geglaubt, dass ich mich mit meiner kroatischen Familie immer streite“, erzählt Stadlmeyer lachend. „Dabei war das für uns eine ganz normale Unterhaltung! Für einen Kroaten ist es nicht unhöflich, wenn alle immer dazwischengehen. Es will sich halt jeder mitteilen. Alles muss ausdiskutiert und geklärt werden. In Kroatien muss man deshalb auch sehr taff sein und sich mit Worten durchsetzen können. Das ist einfach unser südländisches Temperament!“

Varazdin, Zentrum

Das Zentrum von Varaždin, eine alte Barockstadt in Nordkroatien. Die Geburtsstadt von Stadlmeyer wird auch als “kleines Wien” bezeichnet.

Man merkt, dass Stadlmeyer die eigene Herkunft wichtig ist: Die beiden Kinder werden zweisprachig erzogen, lernen Deutsch und Kroatisch. Den kroatischen Literatur-Klassiker „Zug im Schnee“ von Mato Lovrak hat sie für ihre Kinder kurzerhand ins Deutsche übersetzt, weil die deutsche Übersetzung  nicht mehr verfügbar war. Und in Deutschland möchte sie das Interesse für ein Land wecken, das als Urlaubsregion viel mehr zu bieten hat als eine der schönsten Küsten Europas: „Ich komme aus Varaždin, einer alten Barockstadt in Nordkroatien, das auch als ‚kleines Wien‘ bezeichnet wird. Ein wunderbares Städtchen, das viele Touristen nie sehen.“ Auch Zagorje, ein Gebiet das zwischen Varaždin und Zagreb liegt, würden viele nicht kennen. „Das dortige Mittelgebirge ist in etwa vergleichbar mit dem Bayerischen Wald, obwohl das Klima milder ist“, erklärt sie. Im geschichtsträchtigen Zagorje finde man über 70 Schlösser. Diese Schlösser gehörten kroatischen, österreichischen und deutschen Aristokraten. Nicht weiter verwunderlich, denn Kroatien gehörte lange zu Österreich-Ungarn. „Leider kennen das jedoch nur wenige Touristen“, zeigt sie sich enttäuscht.

Die Volkshochschule: Ein richtig guter Ort für Migranten

In den Kindergärten und Schulen ihrer Kinder hat sie deshalb oft kurze Vorträge gehalten – auch Sohn und Tochter machen Kroatien öfters mal zum Gegenstand ihrer Referate. „Aber erzwingen sollte man das Interesse auf keinen Fall!“ Das führe nämlich eher dazu, dass man die Leute abschrecke, glaubt Stadlmeyer. Ein richtig guter Ort für Migranten sei ihrer Meinung nach die Volkshochschule. Hier dürfe man auch ohne deutsche Ausbildung unterrichten. Man müsse natürlich Qualifikationen vorlegen, aber ein deutsches Lehramtsstudium sei beispielsweise nicht vonnöten.

Alte Burg von Varazdin

In Zagorje gibt es viele Schlösser. Auch in Varaždin stehen noch gut erhaltene Zeugnisse von längst vergangenen Tagen, wie die Alte Burg.

Stadlmeyer, die selbst vhs-Kurse in Französisch und Kroatisch gibt, sieht darin auch die ideale Möglichkeit für Ausländer,  ihr Wissen an andere weiterzugeben und so an einer Integration mitzuwirken. Neuerdings gibt sie für die vhs auch den Kurs „Deutsch für Mediziner und Pflegekräfte“ – ein wichtiges Angebot angesichts der Tatsache, dass immer mehr medizinisches Fachpersonal aus dem Ausland nach Deutschland kommt.

Alles in allem sei Deutschland wirklich ein tolles Land für Ausländer, sagt Stadlmeyer. Warum? „Wegen der demokratischen Basis. Man kann sagen, was man denkt. Das sieht man an den verschiedensten Meinungen, die in den deutschen Zeitungen vertreten werden. Und ich finde es toll, dass die Deutschen sich immer so viele Gedanken machen, wie zum Beispiel beim Projekt ‚Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos‘:  Die Deutschen thematisieren ein Thema und versuchen das dann strukturiert zu verbessern.“

Ob sie irgendwann wieder nach Kroatien zurückgehen will? „Nein, ich habe meine Familie hier, meinen Mann und meine Kinder“, sagt Stadlmeyer kopfschüttelnd. „Meine Heimat ist da, wo meine Familie ist. Außerdem verändert sich auch Kroatien ständig – genauso wie ich mich geändert und mir deutsche Verhaltensweisen angeeignet habe.

Dike Attenbrunner