“Integration beginnt im Herzen der Menschen”

Freyung-Grafenau. Stephan Rogmanns arbeitet als Sozialpädagoge beim Migrationsdienst der Caritas. Zu seinen Aufgaben gehört unter anderem die Beratung und Begleitung der neuzugewanderten Migranten in deren sog. „Integrationsprozess“. Welche Erfahrungen er in seinem Job gemacht hat und ob es im Landkreis eine Willkommenskultur gibt, darüber berichtet er im vhs-Interview.

stephan rogmanns

Der Sozialpädagoge Stephan Rogmanns arbeitet beim Migrationsdienst der Caritas. Foto: Rogmanns

Beratung und Begleitung der neuzugewanderten Migranten in deren sog. „Integrationsprozess“

Herr Rogmanns, seit wann gibt es die Migrations- und Asylberatungsstelle bei der Caritas Freyung-Grafenau und aus welchem Grund wurde diese eingerichtet?

Unsere Asylberatungsstelle gibt es seit 1985, die Migrationsberatung seit 1989, letztere ist aus der Aussiedlerberatung hervorgegangen. Entstanden sind beide Stellen aufgrund der gestiegenen Notwendigkeit, entsprechende Beratungsangebote vorzuhalten: steigende Zahlen an Flüchtlingen, Aus- und Übersiedlern.

Wie hat sich die Migration in unserem Landkreis über die Jahre hinweg entwickelt?

Die Entwicklung der Zuwanderungszahlen in unserem Landkreis ist in etwa äquivalent zur landes- bzw. bundesweiten Entwicklung, da die Verteilung stets nach bestimmten festgelegten Quoten erfolgt. Als ich beispielsweise meine Tätigkeit beim Migrationsdienst begonnen habe, gab es fünf Gemeinschaftsunterkünfte für Asylbewerber und fünf Übergangswohnheime für Spätaussiedler – zuvor gab es noch zahlreiche Ausweichunterkünfte für DDR-Übersiedler.

Welche Funktion haben Sie inne und was gehört zu Ihren Aufgaben?

Ich arbeite als Sozialpädagoge beim Migrationsdienst. Zu meinen Aufgaben in der Migrationsberatung gehört die Beratung und Begleitung der neuzugewanderten Migranten in deren sog. „Integrationsprozess“.

Im Gegensatz dazu geht es bei der Asylsozialberatung vorrangig um die Bereitstellung von Orientierungshilfen. Durch Beratung und Informationsvermittlung sollen die Asylbewerber in die Lage versetzt werden, auftretende Alltagsprobleme besser bewältigen zu können.

Das Spektrum der Beratungsinhalte und Hilfen ist dabei äußerst breit gefächert. Eine zentrale Rolle in beiden Bereichen spielt die Vermittlung zwischen Klient und den verschiedensten Behörden.

Dezentrale Unterbringung: “Es haben sich bereits vor Ort einige Strukturen gebildet, die Flüchtlinge zu unterstützen”

In Freyung-Grafenau werden Flüchtlinge seit kurzem dezentral untergebracht. In welchen Ortschaften ist dies bereits der Fall und welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht?

Eine dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen gibt es derzeit im Landkreis Freyung-Grafenau bereits in Thurmansbang, Mauth, Hohenau, Perlesreut, Zenting und demnächst auch in Freyung.

Daneben werden derzeit einige Familien aus Syrien in Privatwohnungen in Haidmühle sowie bald auch ehemalige Bundeswehrmitarbeiter aus Afghanistan in Freyung untergebracht. Diese müssen allerdings kein Asylverfahren durchlaufen.

Unsere Erfahrungen bislang lassen derzeit keine eindeutigen Schlüsse zu. Es ist aber für die betroffenen Asylbewerber verständlicherweise nicht einfach, sich in diesen oft abgelegenen und/oder kleinen Ortschaften mit mangelhaften infrastrukturellen Bedingungen (Einkaufsmöglichkeiten, ärztl. Versorgung, Wege zu Behörden, defizitäre und kostenintensive Busverbindungen) zurechtzufinden. Es haben sich aber bereits vor Ort einige Strukturen gebildet, die Flüchtlinge zu unterstützen, sei es durch Sprachunterricht, Hilfe bei Arztbesuchen, Vermittlung von Sachspenden und vieles andere mehr.

Ist die dezentrale Unterbringung im Vergleich etwa zum Asylwohnheim in Grafenau die bessere Variante für die Integration von Flüchtlingen?

Das würde ich so nicht sagen, ich glaube die Schaffung dieser dezentralen Einrichtungen ist eher aus der Not herausgeboren, da einfach die Plätze in den staatlichen Gemeinschaftsunterkunften fehlen. Nachdem die Flüchtlingszahlen sanken, wurden zahlreiche Gemeinschaftsunterkünfte geschlossen und veräußert. Diese Kapazitäten fehlen jetzt, hier wurde absehbaren Entwicklungen zum Teil wohl auch nicht vorausschauend genug begegnet.

Die Unterbringung in  Gemeinschaftsunterkünfte bietet dagegen einige nicht zu unterschätzende Vorteile. Durch das Vorhandensein eines Heimleiters sowie meist weiterer Bedienstete gibt es stets Ansprechpartner vor Ort, die bei Problemen oft schnell Lösungen anbieten können, zum anderen ist natürlich auch die Lage der Gemeinschaftsunterkunft in Grafenau sehr zentral und bietet damit wesentlich bessere Voraussetzungen für die Flüchtlinge und deren „Integration“.

“Ein wachsender Anteil von Menschen beginnt Anteil zu nehmen am Schicksal dieser Menschen”

Sie sind schon lange bei der Migrations- und Asylberatungsstelle: Hat sich in diesem Zeitraum eine Art Willkommenskultur in der Bevölkerung entwickelt?

Ich arbeite seit nunmehr 20 Jahren beim Migrationsdienst. Ich glaube, der Umgang der Politik hat sich im Laufe der Zeit etwas zum Positiveren gewandelt. Damals wurde noch vehement verneint Deutschland sei ein Einwanderungsland und von einer sogenannten „Willkommenskultur“ hatte niemand gesprochen.

Durch die zunehmende Berichterstattung in den Medien (nicht zuletzt auch den schrecklichen Ereignissen an den Außengrenzen Europas: Lampedusa, den spanischen Enklaven Melilla, Ceuta etc.) ist das Thema stets präsent und es beginnt auch eine wachsende Zahl der Bevölkerung Anteil zu nehmen am Schicksal dieser Menschen. So erhalten wir mittlerweile immer mehr Anfragen von interessierten Bürgern wie eine solche Unterstützung aussehen könne – angefangen von Kleider- und Sachspenden bis hin zu regelmäßigem ehrenamtlichen Engagement in Form von Deutsch- oder Nachhilfeunterricht für Kinder.

Von einer wirklichen „Willkommenskultur“ würde ich aber noch nicht sprechen, dazu sind die Vorurteile gegenüber dem uns „Fremden“ zu groß, es wird oft als bedrohlich wahrgenommen und es greifen immer noch sogenannte „Sündenbockphänomene“ (Flüchtlinge werden für diverse Missstände (mit)verantwortlich gemacht) und das Thema wird leider auch von der Politik insbesondere zu Wahlkampfzwecken instrumentalisiert.

“Integration beginnt im Herzen der Menschen”

Was verstehen Sie im Rahmen Ihrer Arbeit unter Integration?

Integration würde ich beschreiben als einen sehr langwierigen, über Generationen gehenden, wechselseitigen Prozess, das heißt er erfordert nicht nur die Bereitschaft der zugewanderten Menschen, sondern stets auch die Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung, die Bereitschaft Neuem, Unbekanntem vorbehaltlos zu begegnen. Integration sollte nie als bedingungslose Assimilation gefordert werden.

Integriert sein ist m.E. weniger ein Zustand als ein Gefühl. „Integration beginnt im Kopf“ so der Titel einer Kampagne, ich bin der Meinung sie beginnt eher im Herzen der Menschen.

Und wie kann Integration gezielt gefördert werden?

Wie ich schon sagte, erfordert eine gelingende Integration auch die Überwindung von Ängsten und Vorbehalten, ein angstfreies Aufeinanderzugehen von beiden Seiten.

Ein gutes Beispiel ist hier auch das durch die vhs initiierte Projekt der „Integrationspaten“, ehrenamtlich engagierter Bürger, die sich auf unterschiedliche Weise einbringen. Auch wenn die Integration während des Asylverfahrens nicht im Vordergrund steht, so beginnt sie doch vom ersten Tag an.

Herr Rogmanns, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Dike Attenbrunner