Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung für Flüchtlinge

Freyung-Grafenau. „Die Grenzen von Flüchtlingen wurden oft extrem verletzt. Wir können aber nichts gut machen, wenn wir als Gegenleistung nicht auf unsere Grenzen achten.“ Referentin Eva Freymadl ist Diplom-Pädagogin und Systemische Beraterin. Sie arbeitet unter anderem bei Pro Familia in Passau mit traumatisierten Menschen und wurde von der Volkshochschule Freyung-Grafenau eingeladen, um den Integrationspaten im Landkreis die Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung für Flüchtlinge aufzuzeigen.

e4

Referentin Eva Freymadl. Fotos: vhs

Der Vortrag gehört zur Qualifizierungsreihe des Integrationspatenprojekts, das die vhs derzeit im Rahmen des XENOS-Projekts „Integration und Vielfalt“ fördert. Die ehrenamtlichen Integrationspaten, deren Hauptaugenmerk auf die Sprachförderung liegt, sollen so für juristische, soziale und persönliche Aspekte im Umgang mit Flüchtlingen sensibilisiert werden.

“Unsere Grenzen sind meistens unsichtbar”

„Unsere Grenzen sind meistens unsichtbar“, betonte Freymadl, die selbst in der Flüchtlingsarbeit tätig war. „Nehmen wir mal kulturelle Aspekte: Jede Kultur hat ihre eigene Distanzzone. Hier in Deutschland gehört der Raum, den wir mit ausgestreckten Armen abdecken können, zu uns. Kommt jemand, den wir nicht oder nicht gut kennen, näher an uns heran, empfinden wir das als unangenehm.“

Und diese Grenze solle man auch deutlich zum Ausdruck bringen. Höflich, aber bestimmt. „Und wie mache ich das, ohne den anderen dabei zu verletzen?“, fragte eine der Teilnehmerinnen. „Sie können zum Beispiel sagen `Bei uns in Deutschland ist es üblich, dass man sich etwa auf Armeslänge voneinander entfernt unterhält, wenn man sich nicht so gut kennt`“, antwortete die Diplom-Pädagogin. Der Ton mache die Musik, so Freymadl weiter. „Mit einem charmant vorgebrachten `Nein` und einem eventuell freundlichen Gegenvorschlag werden Sie viel eher Freunde gewinnen, als mit einem säuerlich vorgebrachten `Ja`, das beim Gegenüber Schuldgefühle weckt, und das sich später vielleicht als unhaltbar erweist. Wenn Sie sich nicht freundlich und respektvoll abgrenzen, sondern es nur wischi-waschi tun, ist es keine richtige Grenze.“

“Was will und was kann ich leisten?”

e10Deswegen sei es auch unabdingbar, sich bereits vor der Arbeit mit Flüchtlingen Gedanken darüber zu machen: „Was will und was kann ich leisten?“ Denn befinde man sich erst einmal in einer Situation, die einem unangenehm und in der man sich nicht sicher sei, wie man reagieren soll, dann falle einem die Abgrenzung schwer, machte die Beraterin deutlich und führte als Beispiel an: „Stellen Sie sich vor, einer der Flüchtlinge bittet Sie um Geld für einen kranken Angehörigen in seinem Heimatland. Sie könnten mit 200 Euro dafür sorgen, dass der- oder diejenige lebensnotwendige Medikamente erhält. Sie werden feststellen, dass sich auf einmal viele Stimmen gleichzeitig in Ihrem Kopf melden: `Ich habe doch eh so viel und der andere nichts, da kann ich dem anderen ruhig etwas abgeben` oder `Es fühlt sich gut an, zu helfen´, aber auch: `Ich kann dem doch nicht einfach 200 Euro geben!´“ In der Zweierbeziehung zwischen den Helfern und den Flüchtlingen spiegele sich halt leider der ganze Wahnsinn dieser Welt.

Innere Klarheit sei daher das wichtigste für eine klare Kommunikation und eine konstruktive Beziehung. „Stellen Sie sich also die Frage: Unter welchen Bedingungen gebe ich jemandem mein Geld? Oder sagen Sie: Ich stecke gerne meine Energie und Zeit in den Sprachunterricht, aber darüber hinaus möchte ich keine Unterstützung anbieten.“ Zu einem eigenen Standpunkt könne man aber auch kommen, indem man sich sagt: „Ich entscheide von Fall zu Fall, ob ich jemandem Geld gebe.“

Wie man Traumata erkennen kann

Neben der Wahrung der eigenen Grenzen und der Akzeptanz der Grenzen des anderen, machte die Referentin die Integrationspaten auf Aspekte in der Zusammenarbeit mit traumatisierten Menschen aufmerksam. „Traumata kann man daran erkennen, dass der Betroffene sich zurückzieht, Schlaf- oder Angststörungen hat. Das wichtigste für Sie ist jedoch, zu unterscheiden, ob es sich gerade um ein akutes Trauma handelt oder um eines, das schon lange zurückliegt“, betonte Freymadl.

e18Bei einem akuten Trauma sei es für die Betroffenen wichtig und richtig, viel zu erzählen, weil sie sich dadurch vom Geschehen distanzieren könnten. Es reiche, zuzuhören und Verständnis zu zeigen. Handle es sich allerdings um ein Trauma, das schon vor langer Zeit zustande gekommen sei, müsse man unbedingt darauf achten, nicht nachzuhaken, um eine Retraumatisierung zu vermeiden. „Und wie merkt man, dass einer in einer Retraumatisierung steckt“, kam es von den Teilnehmerinnen. „So jemand wird von seinen Gefühlen überwältigt, die Gefühle und das Erlebte haben den Betroffenen unter Kontrolle. Deswegen müssen Sie ihm unmittelbar bewusst machen, dass er im Hier und Jetzt in Sicherheit ist“, erläuterte Freymadl.

“Wenn jemand seine Hilfe anbietet, sind dem, was er tun kann, immer Grenzen gesetzt”

„Sie müssen nicht total abblocken, sondern Sie können sagen: `Das ist jetzt vorbei! Schau, jetzt bist du hier!´ Oder Sie fragen, ob er oder sie etwas trinken möchte.´ Aber versuchen Sie auf keinen Fall, mehr zu erfahren, das würde es nur noch schlimmer machen.“ In der Traumatherapie sei man davon abgekommen, das Trauma mit dem Patienten immer wieder zu durchleben, erklärte die Pädagogin. Stattdessen konzentriere man sich darauf, im Kopf mehr Platz für schöne Dinge und Sicherheit zu schaffen, damit das Trauma daneben kleiner werde.

„Wenn jemand seine Hilfe anbietet, sind dem, was er tun kann, immer Grenzen gesetzt“, betonte Freymadl am Ende des Abends. Aber als sie vor über 20 Jahren in der Flüchtlingsarbeit tätig gewesen sei, sei die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung lange nicht so groß gewesen. „Und das stimmt mich schon sehr froh!“

Dike Attenbrunner